Klima- und Sprachwandel: Über die Klimakrise sprechen

Die Fridays-for-Future-Bewegung macht deutlich: Beim Klima ist aus dem Wandel eine Krise geworden. Es wird immer wichtiger, uns unserer Rolle dabei bewusst zu werden. Die Medien stehen dabei genauso in der Verantwortung wie jede und jeder Einzelne von uns. Doch wie sprechen wir darüber? Fakt ist: Die Art, wie wir sprechen, beeinflusst unser Denken und damit letztendlich auch unser Handeln. Das weiß auch die Psychologin Katharina van Bronswijk, Sprecherin von Psychologists for Future, und hat mit uns über Sprache, Klimaresilienz und unangenehme Diskussionen mit Menschen, die den Klimawandel leugnen, gesprochen.

Katharina van Bronswijk ist Sprecherin der Psychologists for Future. © A. Boehmann

Frau van Bronswijk, wie beeinflusst Sprache unsere Wahrnehmung?

Sehr stark. Die Art, wie wir sprechen, beeinflusst unser Denken. Man könnte auch sagen – unser Denken ist sprachlich. Menschliches Denken ist nämlich ganz wesentlich durch unsere Erfahrungen und Lebensgeschichte geprägt. In der Neurolinguistik wurde das eingehend erforscht.
Es macht zum Beispiel keinen Unterschied, ob wir ein Bild von einem Fahrrad sehen oder selbst damit fahren: Es werden die gleichen Hirnareale angeregt. So kann etwas sprachlich Abstraktes mit einer körperlichen Erfahrung verknüpft werden und es wird denkbar.
Hören wir ein bestimmtes Wort, dann aktiviert es den damit verbundenen Gehirnbereich mit: Erzählt ein Freund, er sei beim Arzt gewesen, wissen wir ganz automatisch, dass ein*e Ärzt*in anwesend war, vermutlich ein*e Arzthelfer*in, er in der Patientenrolle war, es diagnostische Untersuchungen gab, die vielleicht unangenehm waren, und vermutlich eine Empfehlung zu therapeutischen Maßnahmen. Dieses Wissen und auch die damit verbundene emotionale Bewertung werden unbewusst mit aufgerufen, wenn wir das Wort „Arztbesuch” hören, ohne dass es dazu gesagt werden muss.
Solche Deutungsrahmen, Frames genannt, werden immer mitaktiviert. Informationen können also nicht außerhalb von Frames vermittelt werden. So kann über die Nutzung bestimmter Wörter ein Deutungsrahmen, die emotionale Bedeutung und ein Verhaltensimpuls nahegelegt werden.

Was sollten wir beachten, wenn wir über die Klimakrise sprechen?

Das Narrativ, das wir um die Klimakrise stricken, beeinflusst, wie wir diese wahrnehmen. So sind Worte wie „Klima“ und „Wandel“ sehr abstrakt und neutral, sie erzeugen wenig Handlungsdruck. Wenn wir von einer „Krise“ oder „Katastrophe“ sprechen und sagen, dass es um den „Erhalt unserer Lebensgrundlagen“ geht, dann hat das deutlich mehr Kraft.
Hier ist aber zu beachten, dass unterschiedliche Zielgruppen – eben weil sie andere Denkmuster haben – auf Botschaften auch unterschiedlich reagieren. Manche Menschen brauchen eher einen „prevention focus“, also Katastrophenmeldungen, die ihnen den Handlungsdruck klar machen. Andere brauchen einen „promotion focus“, also die Aussicht auf ein lohnenswertes Ziel, um sich zur Handlung zu motivieren. Wenn wir nicht so genau einschätzen können, welche Information mein Gegenüber motiviert – oder wir es mit einer großen Gruppe von Menschen zu tun haben, dann ist es hilfreich, beides mit abzudecken: Also einerseits sehr klar und ohne Beschönigung zu benennen, wie die Faktenlage ist, und gleichzeitig Handlungsoptionen zur Gestaltung unserer Zukunft als Ausweg darzustellen.

Hauptziel der Psychologists for Future ist die Förderung von Klimaresilienz, sowohl individuell als auch gesellschaftlich. Was genau ist mit dem Begriff gemeint?

Mit Klimaresilienz meinen wir einen individuell und gesellschaftlich guten Umgang mit der Klimakrise. Das heißt, einerseits Klimaschutzmaßnahmen schnellstmöglich und konsequent umzusetzen. Uns andererseits aber auch als Gesellschaft und Einzelne darauf vorzubereiten, wie ein gutes (Zusammen-) Leben in einer Welt mit Klimawandel funktionieren kann. Also sozusagen eine „transformative“ und eine „adaptive“ Komponente von Klimaresilienz.
Unser menschliches Gehirn ist nämlich leider nicht dafür gemacht, auf so komplexe und (zunächst) abstrakte Gefahren wie den Klimawandel zu reagieren. Eine Bedrohung wie eine giftige Schlange aktiviert unser Bedrohungssystem und löst eine Reaktion aus, die man mit „fight, flight or freeze“ umschreiben kann. Der Klimawandel fühlt sich aber psychisch so entfernt an (ist zeitlich, örtlich weit weg und fühlt sich unwahrscheinlich an), dass wir auf ihn nicht wirklich reagieren. Zum Glück können wir das als Menschen überwinden und uns auch Gefahren vorstellen, die nicht sichtbar und unmittelbar sind. Ein resilienter Umgang mit der Klimakrise besteht aber eben – im Gegensatz zur Schlange – auch nicht in einer kurzfristigen Abwehr: Er ist kein Sprint, sondern ein Dauerlauf.

Das heißt, wir müssen als Menschen in Bezug auf die Klimakrise die feine Balance finden zwischen einem Vermeiden und einem Reinsteigern in das Problem und die damit verbundenen, meist unangenehmen Gefühle. Gefühle zeigen uns grundsätzlich an, welche unserer Bedürfnisse Befriedigung brauchen (zum Beispiel unser Bedürfnis nach Sicherheit und Kontrollierbarkeit) und machen uns die Hummeln im Hintern, etwas zur Lösung zu tun. Sowohl zu wenig als auch zu viel (dann lähmende) Gefühle helfen uns dabei langfristig nicht weiter.
Wenn man es schafft, diese Gefühle bewusst wahrzunehmen, kann man sich innerhalb des eigenen Wirkungsbereiches für die gesellschaftlichen Veränderungen einsetzen, die wir brauchen: Wählen gehen, mit Politiker*innen und Behörden vor Ort sprechen, Leser*innenbriefe schreiben und vieles mehr.

Wie können wir den sogenannten Klimaleugnerinnen und Klimaleugnern begegnen, also solchen Menschen, die den Klimawandel bestreiten – gerade im familiären Kreis ist es ja oftmals schwierig, in diesem Kontext eine Unterhaltung zu führen?

Im Gespräch mit Einzelnen ist es sehr wichtig, dem Impuls zu widerstehen, den anderen von der eigenen Ansicht überzeugen zu wollen. Das erzeugt eher Trotz und das genaue Gegenteil, von dem was man möchte. Die meisten Menschen sind in Bezug auf den Klimawandel ambivalent. Das heißt sie haben grundsätzlich verstanden, dass hier etwas schlecht läuft, aber haben eben auch damit im Konflikt stehende Ziele und Bedürfnisse (zum Beispiel sich das Traumauto zu kaufen, von dem sie seit der Kindheit träumen).
Wenn man jetzt die Argumente anspricht, die die klimafreundliche Seite im Gegenüber sowieso schon kennt, dann geht der „innere Dialog“ im anderen eher in die andere Richtung und er wird gegenhalten. Es wäre hier also wichtig, auf gemeinsame Werte Bezug zu nehmen, eher verständnisvoll, neugierig und lösungsorientiert Fragen zu stellen („Wie geht es dir mit der Klimakrise?“) und von den eigenen Gefühlen und Zweifeln im Umgang mit dieser riesigen Herausforderung („Ich fühle mich häufig ohnmächtig, weil …“) zu berichten. Manchmal haben gerade die vorher als „Verdränger“ wahrgenommenen Familienmitglieder unerwartet gute Ideen – und manchmal passiert nicht direkt im Gespräch, aber im Nachhinein dann doch eine unerwartete Veränderung beim Gegenüber. Moralappelle helfen uns nur wenig weiter – und manchmal bin ich auch gar nicht die richtige Person. Jede*r ist woanders ein*e gute*r Kommunikator*in: Uns nahestehenden Personen, die wir in dem Kontext für kompetent und vertrauenswürdig halten, hören wir eher zu.
Dazu kommt: Es handelt sich bei der Klimakrise um ein gesellschaftliches Problem, das eine gesellschaftliche Lösung braucht. Schuldzuweisungen in Bezug auf das individuelle Konsumverhalten bringen uns im Gespräch in den allermeisten Fällen und auch in Bezug auf die gesellschaftliche Lösung kaum weiter. Selbst wenn man sein Leben bis ins Kleinste umstellt, kann man in unserer Gesellschaft nicht ganz klimaneutral leben. Das löst eher Ohnmacht und Enttäuschung oder Schuldgefühle aus. Deswegen wäre eher die Frage: Was kann ich, wenn ich mit meinen Handlungen an Grenzen stoße, dafür tun, dass diese Grenzen verschwinden? So können beispielsweise Gespräche mit den Abgeordneten in der Stadt und die Vernetzung mit einer Initiative vor Ort helfen, die nötige Fahrradinfrastruktur zu bekommen, mit der man gerne und sicher von A nach B kommt.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch, Frau van Bronswijk.

Joanna Albrecht
Joanna Albrecht
joanna.albrecht@naturstrom.de

unterstützt das PR-Team von NATURSTROM seit September 2020, jongliert aber schon etwas länger beruflich mit Energiethemen. Ihr Herz schlägt Grün (und für Tiere). Sie mag Waldspaziergänge, Gärtnern und den Teamsport Ultimate Frisbee.

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