„Das Entscheidende ist das Wir gegen die fossile Energie-Industrie“

Der Hambacher Wald und die Diskussion um den Kohleausstieg waren in den vergangenen Wochen ständig in den Medien. Für viele der Aktivistinnen und Aktivisten sind die Themen schon viel länger präsent – und jeden Tag. Auch NATURSTROM-Mitarbeiter Rolf engagiert sich im Hambacher Wald. Im Blog erzählt er, warum.

Rolf vor Solaranlage

Rolf arbeitet im Vertriebsinnendienst von NATURSTROM.

Rolf, du bist bei fast jedem Sonntagsspaziergang im Hambacher Wald vor Ort und gefühlt schon immer dabei. Wann und warum begann dein Engagement für den Hambacher Wald?

Das erste Mal darauf aufmerksam geworden bin ich im Herbst 2015 – bei der ersten Aktion von „Ende Gelände“. Da sind 1.000 Menschen in den Tagebau gegangen und haben gesagt: Schluss mit Braunkohle. Ich habe über den Ticker auf der Internetseite der Waldbesetzer die Aktion verfolgt und mitbekommen, wie die Aktivisten zusätzlich die Kohlebahn blockiert haben. Es gab Gewalt gegen die, die sich an die Gleise gekettet haben – und keine Unterstützung von der Polizei. Seit dieser Aktion habe ich die Ereignisse um die Waldbesetzung über hambacherforst.org verfolgt.

Im Februar 2016 war ich dann das erste Mal im Hambacher Wald. Nach dem nicht geahndeten Mordversuch eines Sicherheitsdienstmitarbeiters, der mit einem Geländewagen von etwa 2.000 kg Leergewicht mehrere Aktivisten überfahren wollte und eine Person so schwer verletzt hat, dass sie nicht mehr gehen konnte, hatte bundesweit nur eine Tageszeitung darüber berichtet. Eine Kölner Zeitung schrieb von Angriffen der Aktivisten, ohne ein Auto überhaupt nur zu erwähnen. Wir haben in meinem Verein – „Gute Nachbarschaft“ – darüber gesprochen. Die Empörung war groß und wir haben beschlossen, zwei Dinge zu tun: Durch einen Besuch vor Ort Solidarität zeigen und dafür sorgen, dass weniger Leute Kohlestrom beziehen.

Auf welchen Wegen unterstützt du persönlich den Hambacher Wald?

Im Laufe der Zeit habe ich viele Leute über den Hambacher Wald und vor allem darüber, was RWE dort tut, informiert. Im März 2016 habe ich deshalb beispielsweise einen Artikel im NATURSTROM-Kundenmagazin energiezukunft geschrieben.

Außerdem versuche ich, regelmäßig an dem Waldspaziergang, der vor Ort stattfindet, teilzunehmen. Der Waldspaziergang ist eine Führung im Hambacher Wald mit einem Waldpädagogen, sodass die Besucher die Besonderheit des Waldes erleben können. Jedes Mal bin ich bemüht, so viele neue Leute wie möglich dorthin mitzunehmen. Ich nehme sie im E-Auto mit in den Wald – und transportiere meist auch Sachspenden für die Aktivisten. Mein Arbeitgeber unterstützt dieses Engagement in vielerlei Hinsicht.

Menschen im Wald

Demonstranten spazieren friedlich durch den Hambacher Wald. Foto: Clemens Weiß

Was ist dabei dein Ziel?

Mein Ziel war von Anfang an, dieser asymmetrischen Berichterstattung entgegenzuwirken. Die Menschen, die sich im Hambacher Wald engagieren, sind nicht „verrückt“ und auch keine „Terroristen“. Von RWE, der Polizei sowie den Innenministern Jäger und später Reul hieß es oft: Das sind ganz schlimme Leute und nur von denen geht Gewalt aus. Das stimmt nicht. Das sind ganz, ganz tolle Menschen – das sind Helden. Wenn jemand in meinem Umfeld durch diese verzerrte Darstellung Angst hat, gehe ich auf ihn oder sie zu und sage: Ich komm mit, ich kenne die Leute. Ich garantiere, es passiert dir nichts. Da sind jedes Mal spielende Kinder und herumtollende Hunde dabei. So ein Waldspaziergang ist wie ein Familienausflug und die friedlichste Möglichkeit, sich den Wald ganz legal anzugucken.

Die Aktivisten zeigen seit Jahren, was im Hambacher Wald passiert – indem sie in die Baumhäuser gezogen sind. Anfang Oktober haben 50.000 Menschen bei einer Demonstration „Hambi bleibt!“ gerufen und am ersten Dezember wird es in Köln und Berlin ähnlich sein. Es ist unglaublich, was da passiert. Kurzum: Ich engagiere mich für den Hambacher Wald, um zu zeigen, wie es wirklich ist.

Und was erlebst du als die größten Herausforderungen?

Also früher war die größte Herausforderung, dass die Proteste in der Mitte der Gesellschaft ankommen und ein Bewusstsein entsteht. Das haben wir jetzt geschafft!

Die nächste Herausforderung ist, RWE aufzuhalten, wirklich aufzuhalten. Jetzt ist die Rodung nur so lange ausgesetzt, bis ein Gerichtsurteil darüber entschieden hat, ob der Hambacher Wald zum FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat) erklärt werden müsse. Die Frage ist, wie wird dieses Gerichtsurteil ausfallen? Und wann wird es kommen? Es gab schon viele negative Überraschungen. Das Rodungsverbot zuletzt ist extrem positiv gewesen. Bereits 2017 wurde die Rodung nach wenigen Tagen verboten – das war ein absolutes Novum damals. Denn vorher hat RWE immer gemacht, was RWE wollte. Und das war eher nicht, die Rodung auszusetzen.

Die Frage ist jetzt: Wie lange hält der Rodungsstopp? Und wie geht es dann weiter? Das heißt: Es geht noch immer darum, diesen Wald zu retten – und den Abbau klimaschädlicher Braunkohle zu stoppen.

Warum ist es besonders wichtig, den Hambacher Wald zu retten?

Weil es ein ganz besonderes Biotop ist: Ein Maiglöckchen-Stieleichen-Hainbuchenwald und damit eine Pflanzengesellschaft, die in Deutschland sehr selten ist. Eine weitere Besonderheit: Dieser Wald ist ein Wald, der seit der letzten Eiszeit immer Wald war, es gab nie eine komplette Rodung. Ähnlich wie das berühmte Revier des Försters Wohlleben in Hümmel. Und das trifft nur auf weniger als 0,3 Prozent der Fläche in Deutschland zu. Zusätzlich leben etliche bedrohte Tierarten der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie im Bürgewald, wie der Hambacher Wald früher genannt wurde, und laut der EU müssen solche Flächen eigentlich streng geschützt werden!

Menschen auf stillgelegter Autobahn bei Düren.

Regelmäßig treffen sich viele interessierte Menschen, um am Waldspaziergang teilzunehmen.

Wie empfindest Du jetzt das Engagement von NATURSTROM und anderen Unternehmen in Sachen Hambi?

Um den Wald zu retten, haben sich viele verschiedene Gruppen zusammengefunden. Sonst haben sie viele Gründe, nicht zusammenzuarbeiten – irgendetwas passt meistens nicht. Aber das ist jetzt überwunden bis vergessen. Das Entscheidende ist das Wir gegen die fossile Energie-Industrie – und dass wir uns für den Kohleausstieg einsetzen. Gegen mächtige Energieunternehmen anzukommen, ist eine riesige Herausforderung. Das geht nicht alleine, das geht nicht unkoordiniert – das MUSS zusammen stattfinden. Deshalb finde ich es sehr gut, dass NATURSTROM klar Farbe bekennt. Wir sind dagegen, dass dieser Wald zerstört wird.

Was empfiehlst du anderen Menschen, zu tun?         

Ich empfehle vier Dinge:

  1. Zu einem Waldspaziergang gehen. Du kannst nur beurteilen, was du kennst. Und was du dort siehst, ist überwältigend.
  2. Weitersagen, was da los ist. Bei Twitter weitersagen, deiner Oma erzählen, nachgucken, welche Energieunternehmen immer noch Kohlestrom liefern. Es sind sehr viele. Und Energie ist nicht immer wirklich grün – auch, wenn die Werbung etwas anderes weismachen will. RWE beispielsweise hat viele Tochter-Firmen. Achte auf Siegel und Konzernstrukturen, und wechsle zu einem echten Ökostromanbieter wie NATURSTROM.
  3. Geh auf hambacherforst.org. Dort kannst du dich informieren und Veranstaltungen sehen – egal, wie weit entfernt du vom Hambacher Wald wohnst. Dann kann man auch bei sich Soli-Veranstaltungen wie Lesungen organisieren. Das haben wir auch schon bei NATURSTROM gemacht. Aktivisten waren da und haben aus ihrem Buch vorgelesen und sich allen Fragen, auch kritischen, gestellt. So kannst du den Wald zu dir nach Hause holen – ob in Berlin, München oder Rostock.
  4. Es gibt viele Umweltschutzorganisationen, die dem Hambacher Wald helfen wollen. Nimm Kontakt mit deiner lokalen Umweltschutzorganisation auf und frage sie, wie und ob sie sich engagieren. Wenn sie nichts machen, sorg dafür, dass sie etwas machen!

Vielen Dank für das Interview, Rolf!

Das Interview führte Linnéa Andersson, Praktikantin im Produkt-Marketing.

NATURSTROM Team
onlinemarketing@naturstrom.de

Unter diesem Profil schreiben NATURSTROM-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die nicht zu den regelmäßigen Blog-Autoren gehören.

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