Hitzeaktionstag 2024: Wie Klimakrise und Gesundheit zusammenhängen

In den Diskussionen um die Folgen der Klimakrise fällt immer wieder auf: Die drastischen Veränderungen werden in erster Linie als Bedrohung der Natur oder künftiger Generationen wahrgenommen. Was dabei aus dem Blick gerät? Die Klimakrise hat schon seit Jahrzehnten dramatische Auswirkungen – auch bei uns in Mitteleuropa und auch direkt auf uns Menschen, ganz unbenommen von den mannigfaltigen Umwelt- und Sachschäden. Anlässlich des bundesweiten Hitzeaktionstags wollen wir zeigen, wie gravierend die Folgen für die menschliche Gesundheit schon heute sind und warum wir dringend auch die schädlichen Folgen der Klimakrise auf uns selbst bedenken sollten.

„Die zukünftigen Generationen werden am meisten unter dem Klimawandel leiden“, „wir sind es den Menschen im globalen Süden schuldig, die Klimakrise auszubremsen“, „wir müssen die Natur vor der Erderwärmung beschützen“. Wer schon länger die Debatten zur Klimakrise verfolgt, wird diese Aussagen in der einen oder anderen Art bestimmt schon gehört haben. Doch so richtig sie sind, so irreführend können sie auch sein. Denn sie erwecken den falschen Eindruck, die Klimakrise beträfe das einzelne Individuum in Deutschland nicht und liefern den Ewiggestrigen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft so die perfekte Ausrede, so weiterzumachen wie bisher.

„Wir müssen nicht das Klima retten, sondern uns“ – Dr. Eckhard von Hirschhausen

Deswegen ist es von Zeit zu Zeit wichtig, sich zu erinnern, dass uns die Klimakrise auch alle selbst betrifft – und zwar ganz direkt. Jede heute lebende Person bekommt die Auswirkungen der Erderwärmung bereits am eigenen Leib zu spüren, wie uns die mittlerweile zur Regel gewordenen Hitzewellen erinnern. Tatsächlich benennt die WHO den Klimawandel heute als größte Gefahr für die Gesundheit der Menschen. Für die Periode von 2030 bis 2050 rechnet die UN-Organisation mit etwa einer Viertelmillionen Menschen, die pro Jahr (!) an den Folgen der Klimakatastrophe sterben werden. Grund genug sich die größten Gefahren einmal näher anzuschauen.

1. Wetterextreme – Gefahr für Leben und Lebensgrundlage

Kaum ein Monat vergeht ohne Nachricht von einer weiteren Überschwemmung, einem tödlichen Sturm, verheerenden Waldbrand oder einer starken Dürre. Natürlich gab es Wetterextreme schon immer, doch die Klimakrise verstärkt die Wahrscheinlichkeit solcher Ausnahmesituationen in nie dagewesener Form. Ein zentraler Auslöser ist die Verlangsamung des sogenannten Jetstream, dessen Windbänder für den Transport von Hoch- und Tiefdruckgebieten verantwortlich sind. So sind auch die Hitzewellen in Westeuropa Folge seiner Ausbremsung, die unmittelbar zu länger anhaltenden Wetterlagen führt. Das bedeutet: trockene Gebiete werden trockener, feuchte Landstriche versinken im Regen.

Mit dieser Entwicklung nimmt auch die Zahl der Umweltkatastrophen dramatisch zu, die durch ihre Naturgewalt unmittelbare Gefahren für die Menschen mit sich bringen – die sogar hierzulande gleichzeitig zunehmenden Überflutungen und Dürreperioden sprechen Bände. Über diese direkten Schädigungen hinaus gefährden die einzelnen Katastrophen und länger anhaltenden Wetterextreme durch Ernteausfälle auf lange Sicht außerdem die Nahrungsmittelproduktion, da immer weniger Agrarflächen von den Auswirkungen verschont bleiben. Katastrophen und grundsätzlich weniger Niederschlag verschlechtern zusätzlich die Versorgung mit Trinkwasser, sodass Rationierungen, wie sie in Südeuropa schon länger gängig sind, mittlerweile auch in Deutschland wie zuletzt 2022 Einzug gehalten haben.

2. Tödliche Temperaturen

Ein Wetterextrem hat in den letzten Jahrzehnten besonders dramatische Folgen nach sich gezogen: ungewöhnlich starke und langwierige Hitzewellen. Neben den schon erwähnten Gefahren für Nahrungs- und Wasserversorgung bringen die hohen Temperaturen auch ganz unmittelbare Gefahren für die Menschen mit sich. Gerade für die Schwächsten der Gesellschaft, also Ältere, Kleinkinder und Personen mit Vorerkrankungen wächst die Gefahr einer Überforderung des Kreislaufs. So steigt das Herzinfarktrisiko ebenso wie die Wahrscheinlichkeit eines Hitzeschlags oder Nierenversagens. Im Rekordsommer 2022 starben in Europa schätzungsweise 60.000 Menschen an den Folgen der außergewöhnlichen Hitze. Werden keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen, würden diese Zahlen jedoch weiter steigen, bis 2040 auf 94.000 und bis Mitte des Jahrhunderts sogar auf über 120.000 hitzebezogene jährliche Todesfälle. Tatsächlich ist Europa diesbezüglich sogar die am stärksten betroffene Region der Welt.

Die Hitze hat allerdings nicht nur Folgen für Junge, Alte und Vorerkrankte, sie betrifft alle. Wie Arzt und Kabarettist Dr. Eckhard von Hirschhausen erklärt, kann der Mensch sich schlicht und einfach nicht an derart hohe Temperaturen gewöhnen und die Hitze wirkt sich unmittelbar auf die körperliche und geistige Leistung aus. Es ist buchstäblich nicht mehr möglich „kühlen Kopf zu bewahren“: Menschen können sich nicht mehr konzentrieren, werden aggressiv und neigen zu Impulshandlungen – so gibt es während Hitzewellen nicht nur mehr Gewalttaten, sondern auch mehr Suizide. Und wen das noch nicht zum Umdenken bewegt, sei gesagt: Auch die Wirtschaft leidet, da in Hitzeperioden die Produktivität deutlich nach unten geht.

3. Allergien und Krankheiten im Schlepptau der Klimakrise

Mit der Veränderung des Klimas geht auch eine Veränderung der Pflanzenwelt einher, die sich belastend auf die Menschen auswirken kann, was Allergiker:innen längst zu spüren bekommen. Durch die wärmeren Temperaturen beginnen viele Pflanzen früher zu blühen, wodurch sich die Pollenflugsaison merklich verlängert. Trockenheit verstärkt die Pollenlast dann noch zusätzlich. Veränderte klimatische Bedingungen führen außerdem zur Ansiedelung neuer Pflanzen in Mitteleuropa, wie der Ambrosia, die ein außergewöhnlich hohes allergenes Potential mit sich bringt. Das Ergebnis? Mehr und mehr Menschen leiden unter immer schlimmer werdenden Atemwegserkrankungen, die sogar tödlich enden können.

Doch nicht nur Pflanzen reagieren auf die Klimaveränderungen, auch Tiere, die in unseren Breiten vormals kaum eine Rolle spielten, bringen nun das natürliche Gleichgewicht durcheinander. Vom in Teilen Deutschlands heimischen Eichenprozessionsspinner und den Gefahren, die seine stark wachsende Population für Natur und Menschen mit sich bringt, hat man in den letzten Jahren ja schon viel gehört. Aber er ist bei weitem nicht das einzige Tier, dass es sich außerhalb seines eigentlichen Siedlungsgebiets gemütlich macht und gewohnte natürliche Gleichgewichte durcheinanderbringt. Auch verschiedene Stechmückenarten verbreiten sich vermehrt in Regionen, die jahrhundertelang zu kalt oder nass waren. Für Mitteleuropa bedeutet das, dass über die neuen Populationen auch neue Krankheiten eingeschleppt werden. So wurden in den vergangenen Jahren zunehmend Erkrankungen in Deutschland entdeckt, die bislang vor allem im Subsahara-Gebiet auftraten – Malaria, Gelbfieber oder das West-Nil-Virus sind hier nur bekanntesten der neuen Gesundheitsbedrohungen, die die Klimakrise mit sich bringt.

Auch schädlichen Bakterien kommen die hohen Temperaturen zugute, da diese sich gerade in aufgeheizten Gewässern besser vermehren können. Insbesondere im Fall von Cyano- oder Vibrio-Bakterien stellt das ein weiteres gesundheitliches Risiko dar, da die Organismen Wund- oder Magen-Darm-Infektionen übertragen können. Verlaufen diese Erkrankungen in der Regel leicht, sind sie dennoch gerade für ältere oder vorerkrankte Personen eine ernsthafte Bedrohung. Damit nicht genug wirkt sich die Klimakrise mehr und mehr nicht nur auf die körperliche, sondern auch auf die psychische Gesundheit aus, wie Experten warnen.

4. Luftbelastung durch Fossile Brennstoffe

Allerdings sind fossile Brennstoffe nicht nur durch den Treibhausgasausstoß ein Gesundheitsrisiko: Eine der größten Umweltgefahren für die menschliche Gesundheit ist die dramatische Luftverschmutzung, die jedoch trotz enger Verknüpfung nur zum Teil auf die Erderwärmung zurückgeführt werden kann. Vielmehr ist es so, dass die Klimakrise und die Schadstoffbelastung der Luft eine gemeinsame Ursache haben: die rücksichtslose Verbrennung fossiler Kraftstoffe.

Bis zu acht Millionen Menschen starben einer Studie zufolge 2018 an den Folgen der weltweiten Luftverschmutzung durch Kohle, Benzin oder Erdgas. Damit können weltweit etwa 18 % aller jährlichen Todesfälle direkt auf die Verbrennung fossiler Energieträger zurückgeführt werden – für Deutschland sind es mit 200.000 Toten sogar 22 %. Diese Zahlen beziehen sich allein auf die durch Feinstaubbelastung ausgelösten Erkrankungen wie Krebs, Schlaganfälle oder Herzinfarkte. Die Klimafolgen und -opfer sind in diesen Zahlen noch nicht einmal berücksichtigt.

 

Was können wir tun?

Angesichts der Lage besteht die Gefahr, die Hoffnung zu verlieren. Doch das wäre falsch: Wir können so viel tun und tun es schon längst.

Einer der wichtigsten Punkte ist dabei zweifellos ein rascher Ausstieg aus fossilen Energien und der konsequente Ausbau der Erneuerbaren. Hierdurch lassen sich Millionen Menschenleben retten und auch wenn es nicht so scheint, kann jeder seinen Teil hierzu beitragen.

Dafür braucht es vor allem eins: das Bewusstsein für die Gefahren der Klimakrise für unser aller Gesundheit. Genau dieses zu schaffen, hat sich KLUG – die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. auf die Fahne geschrieben. Im Verein kommen seit 2017 Menschen aus dem Gesundheitsbereich zusammen, um auf die Probleme und Lösungen aufmerksam zu machen. Ihr Grundsatz: Der Mensch kann nur gesund sein, wenn die Erde gesund ist. Mit dem jährlichen Hitzeaktionstag, den Sie gemeinsam mit anderen Verbänden organisieren, appellieren sie, Hitzegefahren durch den Klimawandel ernst zu nehmen und Hitzeschutz konsequent umzusetzen.

Ist das Bewusstsein geschaffen, heißt es Anpacken – für Energiewende und Klimafolgenanpassung: Hausbesitzer:innen können Dächer oder Fassaden begrünen. Mieter:innen können mit einem Balkonkraftwerk oder einem echten Ökostromtarif die Energiewende Watt für Watt voranbringen.

Und wir alle können wählen und zwar am besten Parteien, die die Gefahren der Klimakrise ernstnehmen, Lösungen anbieten und nicht im Gestern verharren.

 

 

Foto: Pawel Czerwinski / Unsplash

Finn Rohrbeck
finn.rohrbeck@naturstrom.de

unterstützt seit Juni 2022 das Presseteam bei naturstrom. Zuvor arbeitete er im Veranstaltungsmanagement der Verbraucherzentrale NRW und beschäftigte sich dort mit den Themen Energie und Energieberatung.

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