Back to the roots: Was ist solidarische Landwirtschaft?

Eines ist klar: Wenn wir unseren lebenswerten Planeten erhalten wollen, müssen wir zusammenarbeiten – nachhaltig leben, unser Konsumverhalten hinterfragen, die Natur schützen. Ein Weltretter:innen-Konzept, das diese Aspekte vereint, ist die solidarische Landwirtschaft. Fast 400 „SoLaWis“ gibt es in Deutschland. Wie diese Form der Landwirtschaft funktioniert, erklärt eine, die gerade frisch in eine SoLaWi eingetreten ist.

Wir werden täglich mit schlechten Nachrichten zur Klimakrise, politischen Unruhen und Umweltverschmutzung konfrontiert. Da lohnt es sich, an gewissen Idealen festzuhalten. Eines dieser Ideale, welches ich seit kurzer Zeit in mein Leben integriert habe, ist die solidarische Landwirtschaft (kurz SoLaWi). Bei diesem Modell, das im englischen Sprachraum auch community supported agriculture (CSA ) genannt wird, handelt es sich um eine gemeinschaftsgetragene Landwirtschaft, bei der Produzent:innen und Konsument:innen im direkten Kontakt miteinander stehen. Konkret bedeutet das, dass sich Mitglieder einer SoLaWi dazu verpflichten, einen vor dem Erntejahr festgelegten (monatlichen) Betrag an Landwirt:innen zu bezahlen, der die Produktionskosten deckt. Dafür bekommen sie ihren Ernteanteil – Gemüse, Obst oder andere Produkte des Bauernhofs – wöchentlich an ein Depot geliefert, wo alle ihren Anteil abholen können.

Gemüseanbau wird in der gemeinschaftlich getragenen Landwirtschaft ganzheitlich betrachtet: Diese Form der Landwirtschaft leistet einen Beitrag zum Klimaschutz, erhält die Artenvielfalt, versorgt Menschen aus der Region mit frischem Gemüse und schützt Landwirte und Landwirtinnen vor Marktschwankungen, da die finanzielle Verantwortung auf den Schultern aller Ernteteiler:innen verteilt wird.

Seit Mai 2021 bin ich also Mitglied in einer SoLaWi. Im Vorhinein wurde ermittelt, wie viel der Bauernhof für Produktion und Unterhaltkosten monatlich von den Anteilseigner:innen benötigt – in unserem Fall sind das 85 Euro. Dann wurde in einer sogenannten „Bieterrunde“ zu Anfang das Budget des kommenden Jahres beschlossen und gedeckt, indem jeder Teilnehmende solidarisch den Betrag bietet, den er oder sie aufbringen kann. Ich finde es einfach wunderbar, dass sich so wirklich jede und jeder einer SoLaWi anschließen kann, ganz nach den eigenen finanziellen Möglichkeiten.

Was ist solidarische Landwirtschaft?
In der Solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) tragen laut dem Netzwerk Solidarische Landwirtschaft mehrere private Haushalte die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug dessen Ernteertrag erhalten. Durch den persönlichen Bezug zueinander erfahren sowohl die Erzeuger:innen als auch die Verbraucher:innen die vielfältigen Vorteile einer nicht-industriellen, marktunabhängigen Landwirtschaft.

SoLaWi vs. Großbetrieb?

In den letzten Jahren ist vor allem die Zahl der kleinen landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland enorm gesunken. Während es im Jahr 2020 noch ca. 264.000 solcher Betriebe gab, waren es vor 25 Jahren noch mehr als doppelt so viele! Große Betriebe mit riesigen Flächen und Massen- und Mastbetrieben hingegen sind von diesem Negativtrend verschont geblieben – ihre Zahl ist sogar gewachsen. In gewisser Hinsicht ist das nachvollziehbar. Auch unsere Landwirtschaft ist vom Optimierungs- und Profitwahn betroffen. Kleine Betriebe müssen sich aufgrund des steigenden Markt- und Preisdrucks entscheiden – entweder sie werden ertragreicher oder sie verschwinden.

Den Ernteanteil unserer SoLaWi bekommen wir einmal wöchentlich. Es gibt nur saisonales Gemüse wie hier Fenchel, Kräuter, Salate, Blumenkohl.

Dieser Umbau der Landwirtschaft hat auch andere Hintergründe: Wir sehen uns durch die Veränderungen des Klimas immer größeren ökologischen Herausforderungen gegenüber. Dürren nehmen zu, die Ernte wird immer unvorhersehbarer. Das haben wir auch im ersten Monat mit unserer SoLaWi erlebt. Leider fiel direkt die zweite Lieferung aus, denn der April war zu kalt und das Gemüse wuchs folglich nicht so schnell wie in anderen Jahren.

Wir sind darauf angewiesen, dass die Umwelt mitspielt. Denn sie sichert unsere Nahrungsgrundlage. Bei stets vollen Supermarktregalen, immer verfügbaren Waren sowie frischem Obst und Gemüse aus fernen Kontinenten vergisst man schnell: Die Klimakrise ist schon da. Auch wenn der Ausfall meiner SoLaWi womöglich nur ein kleiner wettertechnischer Ausreißer war – Ernteknappheit und -ausfälle haben auf jeden Fall spürbar zugenommen . Seit wir in einer SoLaWi sind, feiern wir jeden (leider seltenen) Regenschauer umso mehr.

SoLaWis schaffen Nähe

Das ist es, was mich an der SoLaWi reizt: Die Verbindung zur eigenen Nahrung, zu den Menschen, die sie mir zur Verfügung stellen und die draus resultierende Wertschätzung. Zwar wünsche ich mir auch einen eigenen Garten, um Gemüse und Obst selbst anzubauen und in der Erde zu wühlen. Aber in unserer Stadtwohnung bleibt dafür nur der kleine Balkon für die eine oder andere Tomatenpflanze. Unsere SoLaWi ermöglicht uns über Mitmachtage am Geschehen am Hof teilzuhaben, selbst Hand anzulegen und sich die Finger dreckig zu machen.

Mit der SoLaWi bekommen wir Gemüse regional und saisonal, sind „näher“ dran an unserer Nahrung und am Gemüsebauern und -bäuerin: „Back to the roots – Zurück zu den Wurzeln“ im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird Bewusstsein geschaffen für das, was uns die Natur gibt, wenn wir sie respektvoll behandeln und auch ein bisschen Arbeit reinstecken.

Natürlich gibt es auch Nachteile: Ein Punkt ist sicherlich die Logistik. Unsere Landwirtin fährt einmal wöchentlich eine große Tour durch Berlin, um die Ernteanteile in die entsprechenden Depots zu bringen. Wohnt man weit weg vom Depot (was in Berlin glücklicherweise nicht der Fall ist, da die Lagerungsorte gut verteilt sind), hat man möglicherweise Schwierigkeiten, die eigene Gemüsekiste nach Hause zu transportieren. Außerdem sind wir so verwöhnt von der immensen Auswahl im Supermarkt, dass man sich eventuell in der (saisonalen) Ausbeute eingeschränkt fühlen könnte.
Für mich überwiegen klar die Vorteile und ich genieße es, saisonal zu essen! Das Essen ist frisch und es fühlt sich gut an, im Rhythmus der Natur zu leben.

Und was ist jetzt der Unterschied zu einer Gemüse-Kiste, die ja auch gerade voll im Trend ist? Die solidarisch organisierte Landwirtschaftsform ist getragen vom Gemeinschaftsgedanken. Die klassische Gemüse-Kiste hingegen ist ein Lieferservice für frisches (Bio-) Gemüse. Vorwiegend regional und meist saisonal ist das gelieferte Gemüse zwar auch. Aber solidarische Landwirt:innen wirtschaften jenseits von Wachstums-, Markt- und Preisdruck, mit den Ernteanteilen übernehmen die Anteilseigner:innen gemeinsam Verantwortung und geben Planungssicherheit und Wertschätzung. Darüber hinaus tragen kleine Betriebe aufgrund bekömmlicher Landwirtschaft zum Umweltschutz bei. Gemeinsam mit meiner Arbeit für und mit NATURSTROM komme ich meinem Ziel einer nachhaltigen Lebensweise immer näher.

Auch eine gute Idee: Bürgerenergie

Sowohl SoLaWi als auch Bürgerenergie fußen auf einer gemeinschaftsbasierten Idee. Klar: Bei der SoLaWi ist es die Landwirtschaft, bei der Bürgerenergie die gemeinschaftlich genutzte Energie. Als erfahrener nachhaltiger Energieversorger realisiert NATURSTROM schon seit vielen Jahren Bürgerenergie-Projekte. Besonderen Wert legen wir bei der Projektentwicklung und -umsetzung auf die Bereitstellung von Informationen, Transparenz und Teilhabe der Menschen vor Ort. Denn nur wer weiß, welchen Wert beispielsweise die Windenergie hat, kann sie auch wertschätzen.

Ich finde beide Konzepte deshalb so spannend, weil sie einerseits Menschen zusammenbringen und andererseits zur Teilhabe anregen, Wertschätzung fördern und, ganz ehrlich, der einzige Weg in eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft sind. Denn: #gemeinsamgehtmehr.

Joanna Albrecht
Joanna Albrecht
joanna.albrecht@naturstrom.de

unterstützt das PR-Team von NATURSTROM seit September 2020, jongliert aber schon etwas länger beruflich mit Energiethemen. Ihr Herz schlägt Grün (und für Tiere). Sie mag Waldspaziergänge, Gärtnern und den Teamsport Ultimate Frisbee.

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