Verkehrswende – warum brauchen wir sie und wie kann sie gelingen?

Dieselgate, Flugscham, Tempolimits – nachdem die Klimaschutz-Diskussionen sich lange vorrangig um den Stromsektor drehten, kommt nun zunehmend auch der Verkehrssektor in den Blick. Und das nicht zu Unrecht, schließlich ist dort in Sachen Treibhausgasreduktion kaum etwas passiert. Aber warum ist der Handlungsbedarf im Verkehrssektor besonders groß? Müssen wir unsere alltägliche Mobilität beschränken? Und wie kann ein umwelt- und menschenfreundliches Verkehrssystem aussehen? Das beleuchten wir in unserem folgenden Blogbeitrag.

Das heutige Verkehrssystem: viele Herausforderungen, wenig Erneuerbare

Jeder, der sich schon einmal bewusst an einer Hauptverkehrsstraße aufgehalten hat, wird die Probleme unseres heutigen Verkehrssystems unmittelbar wahrnehmen. Diese liegen zuvorderst an den Emissionen des Straßenverkehrs – und dabei geht es nicht nur um die Treibhausgase, die bei der Verbrennung von Benzin und Diesel entstehen, sondern auch um Schadstoffe und Lärm, die Mensch und Umwelt belasten. Zu diesen eher langfristig wirksamen Beeinträchtigungen addieren sich die direkten Todesfälle im Verkehr, welche auch zu über 90 Prozent auf den Straßenverkehr zurückgehen. Erfreulicherweise sind die Zahlen hier langfristig gesehen zwar rückläufig, aber erstens ist jeder Fall einer zu viel und zweitens gab es im Jahr 2018 auch wieder eine leichte Steigerung bei den Straßenverkehrstoten. Zudem nimmt der sogenannte motorisierte Individualverkehr wie auch der Gütertransport auf der Straße enorm viel Platz in Anspruch, der für andere, umweltfreundliche Verkehrsteilnehmer wie insbesondere Fußgänger und Radfahrer fehlt – was wiederum auch zu Sicherheitsrisiken gerade für die schwächeren Verkehrsteilnehmer führt.

Und auch beim Klimaschutz nimmt der motorisierte Personen- und Güterverkehr auf der Straße eine besondere Schlüsselrolle ein: Weit über 90 Prozent der CO2-Emissionen im Verkehr entstammen nämlich laut Verkehrsministerium diesen Nutzungsarten, der Straßenverkehr und insbesondere die Autofahrer dominieren damit die Klimawirkung des Verkehrssektors insgesamt. Zwar sind die einzelnen Fahrzeuge durchaus immer effizienter geworden sind. Durch ein Mehr an Autos, größere Motoren, schwerere Fahrzeuge und immer höhere Fahrleistungen sind diese Effizienzfortschritte jedoch wieder aufgefressen worden. Insgesamt liegen die CO2-Emissionen des Verkehrs heute ziemlich genau auf dem Niveau von 1990 und sind damit in den letzten 30 Jahren in diesem Sektor so gut wie gar nicht gesunken. Und auch bei der Nutzung erneuerbarer Energien im Verkehr, welche den Verbrauch fossiler Rohstoffe und damit die Produktion von Treibhausgasen in diesem Sektor begrenzen könnten, gab es in den letzten Jahren nur Stagnation auf einem niedrigen Niveau. Der Anteil erreichte gerade einmal eine Höhe von 5-6 Prozent – und geht zudem ganz überwiegend auf Biokraftstoffe zurück, die nur eine sehr begrenzte Ausbauperspektive haben. Im Wärme- und insbesondere im Stromsektor gab es schon deutlich größere Fortschritte, die Erneuerbaren-Anteile liegen dort deutlich höher und wachsen gerade in letzterem auch weiterhin dynamisch.

Ökostrom als Lösungsperspektive für den Verkehrssektor

In diesen unterschiedlichen Verhältnissen der einzelnen Sektoren liegt aber auch eine Chance begründet, da man die schon hohen Erneuerbaren-Stromanteile etwa über Elektromobilität oder auch die Umwandlung in Wasserstoff im Verkehrssektor nutzen könnte und so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlägt: Zum einen könnten durch intelligente Beladung bzw. Wasserstofferzeugung Schwankungen in der Stromerzeugung aus Solar- und Windenergieanlagen ausgeglichen werden. Zum anderen sind Elektro- und mit Wasserstoff gespeiste Brennstoffzellenantriebe lokal emissionsfrei und leise und bei Nutzung von Ökostrom als Ausgangsprodukt zudem klimaneutral. Schon mit dem heutigen durchschnittlichen deutschen Strommix sind Elektroautos trotz des noch hohen Kohleanteils klimaschonender als klassische Pkw, in denen fossile Kraftstoffe verbrannt werden. Aber natürlich macht die Nutzung von Elektroautos erst richtig Sinn, wenn diese auch mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden, nur so kann ein wirklich klimaneutraler Betrieb erreicht werden. NATURSTROM unterstützt die Umstellung auf Elektromobilität daher mit verschiedenen Angeboten: von einer Ladekarte zur Nutzung an öffentlichen Ladesäulen über die Strombelieferung und den Betrieb von Ladeinfrastruktur bis hin zu einem speziellen Elektromobilitätstarif.

Im Vergleich von batteriebetriebenen und Wasserstofffahrzeugen haben beide Gattungen ihre Vor- und Nachteile. Wasserstofffahrzeuge können vor allem größere Energiemengen aufnehmen und haben damit Vorteile bei der Reichweite pro Betankung/Beladung. Zudem könnten die Tanks hier auch sehr schnell befüllt werden, die Fahrzeuge brauchen also keine großen Standzeiten. Aus diesen Gründen sind Wasserstofffahrzeuge insbesondere für den Güterverkehr geeignet, und auch im Luft- oder Schiffsverkehr könnten entsprechende Antriebe eine Rolle spielen. Allerdings ist die Erzeugung von Wasserstoff mittels Ökostrom zwar klimaneutral, aber auch mit einigen Energieverlusten behaftet. Zudem müsste auch eine komplett neue Infrastruktur aufgebaut werden. Sowohl ökonomisch als auch energetisch effizienter ist daher die direkte Speicherung und Nutzung des Stroms über Elektroautos. Gerade weil Pkw im Durchschnitt nur geringe tägliche Entfernungen von deutlich unter 100 Kilometern zurücklegen und auch lange Standzeiten von etwa 23 Stunden am Tag aufweisen, eignen sich die Elektroautos selbst mit den bisherigen, noch vergleichsweise geringen Reichweiten für fast alle Alltagsanwendungen. Durch die langen Standzeiten könnten die Fahrzeuge sogar als Speicher für Momente dienen, in denen besonders viel Sonnen- und Windstrom im Netz ist, und diesen zu einem späteren Zeitpunkt wieder abgeben. Im Güterverkehr haben reine Batteriefahrzeuge aufgrund des hohen Gewichtes und der bislang vergleichsweise geringen Reichweiten dagegen Nachteile. Allerdings gibt es hier auch bereits Versuche, Lkw mittels Oberleitungen an den Autobahnen direkt mit Strom zu versorgen, die Batterien müssten dann jeweils nur für die ersten bzw. letzten Kilometer genutzt werden.

Verkehrswende ist mehr als Antriebswechsel

Zudem gibt es schon heute eine Vielzahl elektromobiler Alternativen sowohl im Personen- wie auch im Güterverkehr – sobald nicht mehr nur das Auto in den Fokus genommen wird. So bietet die Bahn trotz aller Probleme ein hocheffizientes Transportsystem für Menschen und Lasten, welches mit kontinuierlich steigenden Anteilen erneuerbarer Energien betrieben wird. In den Innenstädten sind heute schon S-, U- und Straßenbahnen rein elektrisch unterwegs. Zunehmend ergänzen Elektrobusse das Angebot des öffentlichen Nahverkehrs. Und Logistik, gerade auf der so genannten „letzten Meile“ kann verstärkt über leichte, elektrische Transporter oder direkt per Lastenrad abgewickelt werden. Wie das aussehen kann, haben die RiffReporter kürzlich in einem lesenswerten Beitrag zusammengefasst. Auch für den individuellen Verkehr gibt es eine Vielzahl an Spielarten von elektrisch angetriebenen oder unterstützten Fahrzeugformen neben den vieldiskutierten Batterieautos. Die Auswahl reicht hier von elektrischen Motorrädern oder Rollern über Fahrräder mit unterstützendem Elektromotor in verschiedenen Stärken bis hin zu E-Scootern oder Skateboards mit Elektroantrieb. Auch diese Fahrzeuge sind leise und bei Beladung mit Ökostrom klimaneutral, haben aber den Vorteil, dass sie deutlich weniger Platz verbrauchen als ein Automobil – und damit auch den letzten Nachteil des Autos ausmerzen können. Nicht zuletzt deshalb bietet NATURSTROM mit seinem Lastenrad-Sharing Donk-EE daher auch eine Alternative zum Auto an und engagiert sich damit für eine innovative Mobilitätsbereitstellung außerhalb der klassischen Denkmuster.

Insgesamt wird deutlich, dass eine wirkliche Verkehrswende mehr sein muss als nur der Austausch des Antriebs: Es braucht auch eine Verkehrsverlagerung vom individuellen zum öffentlichen Verkehr sowie von schweren, großen zu leichten, effizienten und raumsparenden Fahrzeugen. Dabei spielen natürlich auch Verkehrswege ohne elektrische Antriebe eine Rolle, etwa Fußwege oder per klassischem Fahrrad zurückgelegte Strecken. Neben neuen Technologien, die eine Verkehrsverbesserung bringen, und der Verkehrsverlagerung auf andere, effizientere Transportmittel umfasst eine nachhaltige Gestaltung des Mobilitätssektors zudem die Verkehrsvermeidung. Mit dem Fachbegriff soll ausgedrückt werden, dass die Wege der Menschen schon bei der Stadtplanung möglichst kurzgehalten werden sollen oder sogar ganz entfallen können. Wer beispielsweise Waren des alltäglichen Gebrauchs im eigenen Quartier bekommen kann, muss dafür nicht zum Einkaufszentrum auf die grüne Wiese fahren. Auch Fahrgemeinschaften, Home-Office-Möglichkeiten oder Wochenmärkte können dazu beitragen, Wege und damit Verkehr überflüssig zu machen und so den bisher kontinuierlichen Anstieg der Verkehrsleistungen bremsen oder sogar senken.

Unsere Mobilität ist ein wichtiges alltägliches Gut, welches aber auch mit erheblichen Auswirkungen einhergeht, sowohl für die Umwelt als auch den Menschen. Es braucht daher gleichermaßen einen bewussteren Umgang mit diesen Effekten wie auch eine neue Planung unserer Verkehrssysteme. Kurze Wege, eine stärkere Nutzung effizienterer Fahrzeugkategorien sowie der Einsatz von Ökostrom statt fossiler Rohstoffe müssen künftig die Verkehrspolitik und-planung auf allen Ebenen bestimmen. Das würde nicht nur den Klimaschutz voranbringen, sondern unsere Städte insgesamt lebenswerter machen.

 

Die Grafiken kommen von der Agentur für Erneuerbare Energien e.V.

Quelle des Titelbildes: Wikimedia / Leonhard Lenz.

Sven Kirrmann
Sven Kirrmann
sven.kirrmann@naturstrom.de
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