#StopFossil – Energiesparen gegen die Klimakrise und für eine sichere Versorgung

Deutschland ist abhängig von fossilen Energieträgern – und damit leider oft auch von Ländern mit autoritären Regimen. Diese Abhängigkeit ist nicht nur geopolitisch fragwürdig, sondern auch in Sachen Klimaschutz. Um von ihr loszukommen, braucht es neben mehr Erneuerbaren-Ausbau dringend auch ein wachsendes Bewusstsein für das Thema Energieeffizienz. Genau hier setzt die aktuelle Kampagne #StopFossil an, indem sie nützliche Tipps und Tricks zum Energiesparen gibt. Wir sprachen mit Jörg Ortjohann, Vorstand der Stiftung Energieeffizienz und einer der Initiatoren der Kampagne, über das Vorhaben.

#StopFossil will Menschen dazu motivieren, Energie und damit auch fossile Brennstoffe einzusparen. So kann nicht nur die Abhängigkeit von den fossilen Exportländern, insbesondere Russland, verringert werden, sondern damit verbessert jede:r Teilnehmer:in auch die individuelle Klimabilanz Dafür haben die Macher:innen viele Tipps und Tricks in der #StopFossil-App gesammelt, über welche auch die realisierten Einsparungen individuell wie gemeinschaftlich nachverfolgt werden können. Das inoffizielle Ziel der Kampagne: Jeder Haushalt soll ein Drittel der durchschnittlichen russischen Energieimporte einsparen – das entspricht etwa 1,1, Tonnen CO2e pro Person. NATURSTROM unterstützt diese Kampagne und ruft alle Kund:innen zum Mitmachen auf!

Jörg Ortjohann, Vorstand der Stiftung Energieffizienz. Bild: privat.

Mehr zu der Kampagne erklärt Jörg Ortjohann als einer der Initiatoren in unserem Kurzinterview:

Lieber Herr Ortjohann, wie kam es zu der #StopFossil-Kampagne und wer steckt dahinter?

Ende Februar, nach dem ersten Entsetzen über den Angriff Russlands auf die Ukraine, fragte Ulrich Leibfried, ein langjähriger Weggefährte aus der Solarenergie, wie wir unseren Energieverbrauch nicht erst in 5-10 Jahren, sondern jetzt sofort soweit drosseln können, dass wir den Bezug fossiler Energieträger von Russland einstellen können. Seine E-Mail ging zunächst an einen kleinen Verteiler bereits verbündeter Organisationen und Personen, konkret an fesa e.V., Panterito Stiftung, GermanZero Klimaentscheide sowie Hannah Wagner und Marina Leibfried.

Bereits eine Woche später gab es ein erstes Video-Meeting und den Entschluss, aktiv etwas zu tun – die #StopFossil-Kampagne war geboren. Danach haben zahlreiche engagierte Unterstützer*innen wie Prof. Volker Wittwer und Dr. Klaus Heidler die im Entstehen befindliche Kampagne mit angeschoben. Das ebenfalls beteiligte Unternehmen Solar Consulting hat eine erste Presseinformation versandt. In der Folge konnten wir die Ökostrom-Pioniere Bürgerwerke und NATURSTROM als erste Maßnahmen-Aktions-Partner gewinnen. Parallel kamen Grüner Strom Label e.V. und die Deutsche Gesellschaft für Solarenergie e.V. als weitere ideelle Partner dazu. Aufbau und Lenkung der Kampagne erfolgen ehrenamtlich, der fesa e.V. ist gerade dabei, eine professionelle Kampagnenleitung einzurichten.

Was ist das Ziel und wie wollen Sie das erreichen?

Das Ziel ist so gesetzt, dass in drei Jahren der Ausstieg aus russischen Energieträgern gelingt, die für ca. 40% unserer CO2-Emissionen verantwortlich sind. Atomstrom, Kohle, Frackinggas oder Öl von undemokratischen Regimen sind keine Alternative. Stattdessen wollen wir Einsparungen und eine 100% erneuerbare Energieversorgung in Europa. Die entsprechende persönliche Reduktion der CO2-Emissionen um ca. 1,1 t CO2e pro Jahr ist dabei nicht nur für eine Stärkung der Energiesouveränität, sondern auch für paris-konformen Klimaschutz notwendig. Es geht vorrangig darum die einzelnen Teilnehmer*innen durch gute Maßnahmenangebote zu unterstützen. Wir wissen aus der Klimawette – einer Aktion, an der viele der jetzt beteiligten Partner im letzten Jahr mitgewirkt haben – dass diese Reduktion im ersten Jahr gut machbar ist.

Mit der #StopFossil-Web-App, die als Hauptinstrument der Kampagne erarbeitet wurde, können die Teilnehmer*innen aus circa 30 einfachen Einsparmaßnahmen auswählen. Bei der Programmierung der Software konnten wir auf den CO2-Avatar aus der erwähnten Klimawette 2021 zurückgreifen, die unter der Schirmherrschaft von Prof. Messner, dem Präsidenten des Umweltbundesamt stattgefunden hat. Das Ziel ist es, auf Maßnahmen zu verweisen, die von unabhängigen Organisationen zertifiziert sind und für die transparente Berechnungen vorliegen.

Natürlich geht es auch darum, das große Ganze nicht aus dem Auge zu verlieren, daher die nationalen Ziele, die wir natürlich allein nicht erreichen können. In Deutschland geht es um die Einsparung von ca. 280 Millionen t CO2 pro Jahr, das ist der Betrag, den wir durch importiertes Öl, Gas, Kohle und Uran aus der russischen Föderation emittieren. Wir hoffen, dass z.B. die BMWK-Kampagne „Energiewechsel“ mit den Spitzenverbänden Wirkung zeigt und wollen auf der Kampagnenwebseite auch die Einsparerfolge anderer Aktionen sichtbar machen.

Ein Ziel der #StopFossil-Kampagne ist die Ermutigung zu nachweisbasiertem Klimaschutz gemäß Pariser Klimaschutzziel und der Abbau von Barrieren für Einsparungen. #StopFossil setzt auf möglichst genaue Erfassung und transparente Darstellung der Einsparungen mittels der digitalen Infrastruktur der gemeinwohlorientierten Sustainable Data Platform. Um eine hohe Qualität bei der Auswertung der mehrjährigen Einsparungen zu erzielen, wollen wir schrittweise von der niederschwelligen Erfassung von „Absichtserklärungen“ auf Basis von Durchschnittswerten auf nachweisbasierte Verfahren zur quantitativen Erfassung der Einsparungen umstellen. Für den Einbau von Wärmepumpen stehen z.B. schon kostenfreie offene Tools bereit.

Wie genau werden die Teilnehmer:innen bei der angestrebten Energieeinsparung motiviert bzw. eingebunden?

Es ist anders: Die Teilnehmer:innen motivieren uns! Wir haben bei der Klimawette gelernt, wie cool manche Menschen Klimaschutz machen. Es ist so, als wenn ich 150 Kilo wiege und in drei Jahren bei 90 Kilo sein möchte. Respekt vor dem, der läuft! Natürlich muss ich den inneren Schweinehund überwinden. Aber es ist interessant zu sehen, wie einige Menschen das schaffen und Spaß am klimaschlankeren Leben vermitteln. Diese Diät-Pläne motivieren uns, wir versuchen sie gut zusammenzustellen. Für die mit der #StoppFossil-App ausgesuchten Maßnahmen wird dazu ein „Maßnahmen-Vorsatz-Zettel“ erstellt, der im folgenden Jahr abzuarbeiten ist. Am Ende fragen wir nach, was umgesetzt wurde, und wollen analog zu Klimawette die Ergebnisse wieder evaluieren.

Bei der Klimawette haben wir von circa 5.000 Teilnehmer:innen mit Einsparmaßnahmen 2.200 Antworten zurückbekommen. Die SKOPOS GmbH wertete für ein besseres Verständnis die Antworten aus. Es zeigte sich folgendes Muster: Maßnahmen, bei denen Haushalte auf die Unterstützung durch Handwerker und oder Genehmigungen durch Behörden angewiesen waren, wiesen die geringsten Umsetzungsquoten auf. Maßnahmen dagegen, die im persönlichen Umfeld und autonom umzusetzen waren, wiesen eine ungleich höhere Umsetzungsquote auf. Wenn gesundheitliche Benefits mit einer CO₂-Einsparmaßnahme verbunden waren, gelang die Umsetzung besonders häufig. Maßnahmen wie der „Wechsel zu zertifiziertem Biogas“, einfache Dämm-Maßnahmen an Kellerdecken und Heizungsrohren sowie z.B. der Wechsel zu einem grünen Konto haben noch viele Barrieren. Um in den Folgejahren nennenswert durchzustarten, heißt es auch hier genau hinzuschauen, um Erfolge zu unterstützen und Frust in der Umsetzung zu vermeiden.

Letztendlich aber sind wir überrascht, wie erfinderisch und einfach viele Menschen mit Klimaschutz umgehen. Den Tipp einer Teilnehmerin: ‚Es wäre gut, wenn ihr <freiwillig 100 auf Autobahnen> dazunehmen könntet. Das können viele umsetzen ;-)‘, haben wir direkt aufgenommen. Die Einsparung beträgt pro Person 0,1 t CO2 pro Jahr. 2022 haben wir auch die ersten Schüler-Maßnahmen wie ‚low-digital‘ dabei. Hier waren wir 2021 über das Engagement der „Klimaheldenschule“ Schillergymnasium in Köln erfreut. An diese Erfolge geht es anzuknüpfen und gerade auch junge Menschen als Klimaschutz-Macher:innen einzubeziehen.

Was sind die nächsten Schritte?

Zunächst wollen wir in allen wichtigen Reduktionsbereichen Wohnen, Mobilität, Ernährung und Konsum die wesentlichen qualifizierten Maßnahmen-Aktions-Partner gewinnen, die nachweisliche Klimaschutzerfahrung haben. Mit Ihnen und ideellen Partnern zur Zertifizierung wollen wir die Inhalte und Maßnahmen weiterentwickeln, um angesichts knapper Fachkräfte und hoher Kosten für viele Menschen auch wirklich gute Tipps für praktikable und bezahlbare Maßnahmen zu geben.

Um die Unabhängigkeit von fossiler und atomarer Energie voranzutreiben und das große Ziel zu erreichen, innerhalb von drei Jahren einen zählbaren Schritt zur Erreichung der Pariser Klimaschutzziele zu machen, müssen wir parallel mit der Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung anfangen. Im Sommer sollen die ersten Netzwerke starten. Partner können sich bei uns gerne melden, z.B. um die offene Kampagnen-Web-App in ihre Arbeit einzubinden.

Vielen Dank für Ihre Zeit und Ihre Antworten!

 

#StoppFossil ist unter folgenden Links zu erreichen:

Sven Kirrmann
sven.kirrmann@naturstrom.de

Unterstützt seit Juli 2019 von Berlin aus die NATURSTROM-Pressearbeit. Schon lange Jahre überzeugter Energiewender, auch beruflich. Unter anderem zuvor bei der Agentur für Erneuerbare Energien mit Kommunikation zu einer nachhaltigen Energieversorgung beschäftigt.

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