„Ein weltweites positives Signal“ – Sonnenflüsterer Erhard Renz im Portrait

Erhard Renz ist Bürgerenergiewende-Pionier der ersten Stunde und setzt sich seit über 25 Jahren konsequent für Erneuerbare Energien ein. Er ist Crowdfunder für Mikrokredite und betreibt den Blog www.sonnenfluesterer.de. Von Oliver Grob

Es ist der 19 Oktober 2013. Im Kunstmuseum Bonn hält Volker Angres, Leiter der Redaktion „Umwelt“ beim ZDF, eine Laudatio auf die Gewinner des Deutschen Solarpreises. Einer davon ist Erhard Renz, ausgezeichnet in der Kategorie „Sonderpreis für persönliches Engagement“. Ein Preis, den sich Renz redlich verdient hat, ist er doch seit Jahren als Verfechter der Erneuerbaren Energien präsent, online wie offline aktiv und hat es damit immer wieder geschafft, Menschen für die Energiewende zu gewinnen.

Ein Video wird gezeigt, tosender Applaus, Erhard Renz betritt die Bühne. Für ihn ist das ein Moment zum Genießen, das Sprechen vor Publikum liegt dem Preisträger im Blut. Was ihn antreibe, fragt Angres den selbsternannten Sonnenflüsterer. Renz überlegt keine Sekunde und nennt das AKW Biblis, acht Kilometer entfernt von seinem Zuhause in Bürstadt. Damit habe alles begonnen.

Am Anfang steht die Anti-AKW-Bewegung

Denn wie viele andere schließt sich der gelernte Industriekaufmann in den 1980er Jahren der Anti-AKW-Bewegung an. Im April 1986 explodiert der Atomreaktor in Tschernobyl und plötzlich sehen sich nicht nur die Protestbewegung, sondern schlichtweg alle Menschen von der Kernkraft bedroht. Im privaten Umfeld sei ihm besonders die Verunsicherung einer schwangeren Bekannten in Erinnerung geblieben, der man zu einer Abtreibung geraten hatte. „Das war der Punkt, an dem ich mich fragte, in was für einer Welt wir eigentlich leben“, erinnert sich Renz.

Der Samen für das Energie- und Umweltengagement ist gepflanzt. Renz beginnt bei sich selbst und baut ein Haus nach ökologischen Kriterien – Solarthermie-Kollektoren, Regenwassernutzung, Gasbrennwertkessel, Fußleistenheizung und Kork als Dämmstoff – damals ein Novum in Bürstadt. Außerdem protestiert er weiterhin gegen das AKW Biblis, schnallt sich dabei jedoch ein Solarmodul um und demonstriert damit nicht nur gegen die Atomkraft, sondern gleichzeitig auch für die Lösung. Renz wird damit in seiner Heimatstadt zum Exot und „bleibt es bis heute“, wie er lachend hinzufügt.

Menschen motivieren und aktivieren

In den 1990er-Jahren beteiligt sich Renz finanziell an den ersten Windrädern und beginnt Vorträge zum Thema Windenergie und der Anti-AKW-Bewegung zu halten. Ihm gelingt es, Menschen zu motivieren, sich in Vereinen zu organisieren und aktiv zu werden. 1999 beteiligt sich Renz dann an dem von Mitgliedern aus Umwelt- und erneuerbare-Energien-Verbänden neu gegründeten Ökostromunternehmen NATURSTROM. „Ich war sozusagen Aktionär der ersten Stunde. Das war eine Sache, von der ich sofort wusste, dass ich dabei sein wollte“, erinnert sich Renz an die Anfänge des heutigen Ökostrompioniers.

Mit der Verabschiedung des EEG eröffnen sich dann auch für die Solarenergie neue Möglichkeiten. Renz erkundet freie Dachflächen in seinem Wohnumfeld – Vereine, Kirchen, Rathäuser, Schulen. „Damals habe ich mir überall eine blutige Nase geholt. Es wollte einfach niemand sein Dach zur Verfügung stellen.“ 2003 gelingt ihm dann jedoch der große Coup. Basierend auf seiner Idee wird in einem Gewerbegebiet die damals größte Dach-PV-Anlage der Welt errichtet. Fünf Megawatt Leistung, 23 Millionen Euro Investitionsvolumen und ein Paukenschlag für die gesamte Solarszene.

Energiegenossenschaften als Mittel der Demokratisierung

Ab 2005 beginnt dann die Gründungswelle der Energiegenossenschaften. Auch daran ist Renz beteiligt, unter anderem als Mitgründer der Solarbürger-Genossenschaft in Bürstadt. Für ihn ist das ein Quantensprung in puncto Demokratisierung der Energiewende. Denn im Gegensatz zu den bisherigen Bürgerenergiegesellschaften sind bei Genossenschaften keine finanziellen Beteiligungen in der Größenordnung von mehreren 10.000 Euro mehr nötig. „Ich wollte ganz gezielt die 100-Euro-Leute ins Boot holen“, beschreibt Renz sein Credo. Dazu hält er weiterhin ehrenamtliche Vorträge, veranstaltet Führungen zu der riesigen PV-Anlage und macht nach Feierabend Öffentlichkeitsarbeit für die Energiewende. Im Jahr 2006 ist Renz außerdem Gründungsmitglied der MetropolarSolar Rhein-Neckar e.V., einem Netzwerk für 100 Prozent Erneuerbare Energien.

In dieser Zeit entsteht der Name „Sonnenflüsterer“, unter dem Erhard Renz heute vielen Menschen ein Begriff ist. In der Presse nennt man ihn zeitweise sogar Solarpapst. „Das ging mir zu weit. Als Solarpapst kam ausschließlich Hermann Scheer in Frage“, bekundet Renz seinen Respekt für den verstorbenen internationalen Vorkämpfer für Erneuerbare Energien und Träger des alternativen Nobelpreises. „Ich brachte deshalb den Namen des Sonnenflüsterers in Umlauf und der ist es bis heute geblieben“, sagt Renz.

Ein Blog als Ventil

Im Jahr 2007 bietet sein Arbeitgeber Erhard Renz eine Frühpensionierung inklusive Abfindung an. Renz akzeptiert und fängt am nächsten Tag bei der Solarfirma eines Freundes in der Öffentlichkeitsarbeit an. Dort arbeitet er fünf Jahre, betreut unter anderem den Firmen-Blog, findet Gefallen an der neuen Art der Kommunikation und startet parallel seinen privaten Blog namens Sonnenflüsterer, auf dem er seitdem frei und unabhängig publiziert.

Es folgt im Jahr 2012 noch eine einjährige berufliche Station in der Solar-Abteilung von juwi, die durch die EEG-Reform des damaligen Umweltministers Altmaier jedoch zwangsweise ein Ende findet. Für Renz ist das ein Grund mehr, seinen Bloggertätigkeit zu intensivieren. Nicht umsonst nennt er diese sein „Ventil“. So ist er Mitgründer der Plattform Energieblogger. Sein eigener Blog umfasst mittlerweile mehr als 1.200 Einträge und gehört damit zu den bekanntesten und beliebtesten Energieblogs des Landes. Etwa 5.000 Menschen besuchen den Sonnenflüsterer jeden Monat online und honorieren Erhard Renz damit als eine nach wie vor wichtige Stimme der Energiewende.

Noch drei Punkte auf der Liste

Auf die Frage, welche Pläne er für die Zukunft noch auf seiner Liste hat, antwortet er sofort: „Es gibt viele, ich nenne Ihnen drei“. Da wären zunächst die „Balkon-Kraftwerke“, auch bekannt als Guerilla-PV-Anlagen. Gemeint sind einzelne PV-Module, die auf Balkonen betrieben, in die Steckdose gesteckt und somit mit dem privaten Hausnetz verbunden werden können. Dann gibt es das Thema „Klimafreundliche Crowdfunding-Mikroprojekte“, die vor allem im globalen Süden die Errichtung von Kleinst-PV-Anlagen mit Batterien ermöglichen.

Und schließlich ist da noch die Veranstaltung einer Megaparty nach Abschaltung der letzten Atomkraftwerke in Deutschland – am liebsten im Jahr 2023 in Berlin. „Ein bis zwei Millionen Menschen sollten es schon sein“, sagt Renz und verweist auf die Chronologie der Anti-AKW-Bewegung. „Hunderttausende Menschen haben über die Jahre demonstriert – und wir haben gewonnen. Das AKW Biblis vor meiner Haustür ist bereits abgeschaltet und Ende 2022 folgen auch noch die letzten Meiler. Da gebe ich mich doch nicht mit 10.000 Leuten zufrieden, die irgendwo Sekt trinken. Es muss vielmehr ein positives Signal kommen, das den Atomausstieg in die ganze Welt trägt. Die Deutschen haben es geschafft, sind aus der Atomkraft ausgestiegen, die Energieversorgung steht und sie tanzen auf den Tischen. Diese Botschaft ist mein letzter Wunsch an die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland.“

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