Gemeinsam stark: Bürgerenergie als Akzeptanzgarant für den Ausbau von EE-Anlagen

Voraussetzung für die dringend erforderliche Transformation des deutschen Energiesektors ist das Vertrauen der Bürger:innen in regenerative Energien. Da der Ausbau von Erneuerbare-Energien-Anlagen eine der zentralen Säulen der Energiewende ist, ist die Befürwortung der Bevölkerung unerlässlich. Die Bürgerenergie spielt dabei eine entscheidende Rolle.

Neuen Entwicklungen skeptisch gegenüberzustehen und Dinge zu hinterfragen, ist völlig normal. Die Planung eines Wind- oder Solarparks in der Nachbarschaft ist nicht alltäglich und kann Sorgen hervorrufen. Umso wichtiger ist es, Anwohner:innen von Beginn an miteinzubeziehen und sie vom Bau bis über die Inbetriebnahme hinaus aktiv zu begleiten. Sei es in Form von Informationsveranstaltungen oder Führungen – transparente Kommunikation nimmt Ängste. Sie stärkt das Vertrauen und damit die Akzeptanz gegenüber der Errichtung von EE-Anlagen.

Und die Akzeptanz der Bevölkerung ist essenziell. Denn obwohl sich laut der Akzeptanzumfrage 2021, die im Auftrag der Agentur für Erneuerbare Energien durchgeführt worden ist, 83 Prozent der Bürger:innen einen verstärkten Ausbau von EE-Anlagen wünschen, würden nur knapp 55 Prozent eine Anlage in direkter Umgebung ihres Wohnortes befürworten.

Hier kommt die Bürgerenergie ins Spiel. Dank ihr haben Interessierte nicht nur die Chance, sich über Projekte zu informieren, sondern auch sich direkt daran zu beteiligen. So können sie beispielsweise in Form von Kommandit- oder Genossenschaftsanteilen aktiv davon profitieren. Dies ist ausschlagend für den Erfolg von EE-Projekten. Denn gemäß der Akzeptanzumfrage würde bereits ein Viertel der Bevölkerung dem Bau einer EE-Anlage in direkter Nähe zum Wohnort zustimmen, wenn eine finanzielle Beteiligung möglich ist.

Energiewende in Bürgerhand

AEE-Studie zeigt: Bürgerenergie bleibt zentrale Säule der Energiewende.

Die Bürgerenergie spielt aufgrund ihrer Beteiligungsmöglichkeiten und der damit einhergehenden Akzeptanzsteigerung eine Schlüsselrolle für das Gelingen der Energiewende. Dennoch schwindet der Einfluss der Bevölkerung im regenerativen Energiesektor stetig. Während Landwirt:innen und Privatleute vor zehn Jahren noch über mehr als die Hälfte der installierten Leistung verfügten, sind heute nur noch rund 40 Prozent der deutschen EE-Anlagen in Bürgerhand. Natürlich ist es sehr erfreulich, dass mittlerweile auch große Investoren eine nachhaltige Energieerzeugung fördern – dennoch muss die Bürgerenergie ihren festen Platz am Markt behalten.

Der Bürgerwindpark Hünfeldener Wald ist ein Paradebeispiel dafür, was Menschen vor Ort gemeinsam erreichen können. In Kooperation mit der mittelhessischen Gemeinde Hünfelden und der Land+Forst Erneuerbare Energien GmbH konnte NATURSTROM 2020 drei Windkraftanlagen ans Netz bringen. Die Kommune war hierbei nicht nur von Beginn an in die Projektierung involviert, sie ist auch Miteigentümerin des Windparks. Zusätzlich sind knapp 150 Anwohner:innen an den Anlagen beteiligt. Betrieben wird der Windpark durch eine Bürgerenergiegesellschaft, bei der die Mehrheit der Stimmrechte bei den Bürger:innen vor Ort liegt. Mit rund 80 Prozent bleibt so der größte Anteil der lokalen Wertschöpfung in der Region.

Die Befragungsergebnisse des Forschungsprojekts ReWA, welches Hünfelden als Fallbeispiel beleuchtet, stimmen mit der Akzeptanzumfrage überein – Wertschöpfungseffekte sind ausschlaggebend für die Befürwortung von Bürger:innen gegenüber dem Ausbau von EE-Anlagen. So zeigt der Bürgerwindpark Hünfeldener Wald deutlich, dass transparente Kommunikation, aktive Bürger:innenmitnahme und finanzielle Beteiligungsmöglichkeiten die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft steigern.

Wann immer möglich feiern wir die Inbetriebnahme einer neuen Anlage mit den Menschen vor Ort wie hier beim Windfest in Nüdlingen-Münnerstadt 2018. © Fotostudio Hild, Burglauer

Neuer EU-Beschluss fördert die Bürgerenergie

Ungeachtet dessen werden Bürgerenergieprojekte vielerorts noch immer mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert, so dass sich deren Umsetzung schwierig gestaltet. Steigende Anforderungen an Neuprojekte, verschärfte gesetzliche Rahmenbedingungen und politische Versäumnisse erschweren die dezentrale Energiewende maßgeblich. Aufgrund ihrer Größe und Arbeitskraft können Bürgerenergiegesellschaften nur geringe finanzielle Risiken eingehen. So können sie sich bei Photovoltaik- und Windausschreibungen kaum gegen große Konzerne durchsetzen. Ein fairer Wettbewerb ist demnach nicht möglich.

Hoffnung macht ein neuer Beschluss der Europäischen Union, welcher die Leitlinien für staatliche Klima-, Umweltschutz- und Energiebeihilfen festlegt und der Ende Januar 2022 in Kraft getreten ist. Das Ziel hierbei ist die Förderung von grüner Energie. Demnach ist geplant, dass vor allem kleinere Projekte von einem Bürokratieabbau profitieren sollen. Das heißt, dass Bürgerenergiegesellschaften von Ausschreibungen befreit werden können, falls deren Photovoltaik- und Wasserkraftprojekte über maximal 6 MW installierte Leistung verfügen. Bei reinen Windprojekten liegt diese Grenze sogar noch höher. Wenn diese zu 100 Prozent von Erneuerbare-Energien-Gemeinschaften getragen werden, dürfen sie eine Gesamtleistung von bis zu 18 MW erbringen.

Sollte sich die deutsche Regierung an ihre Koalitionsvereinbarungen halten und den europäischen Empfehlungen folgen, könnten sich die Rahmenbedingungen für Bürgerenergiegesellschaften effektiv verbessern. Nun ist es an der Zeit zu handeln und die Leitlinien in nationales Recht umzuwandeln. Schnellere Genehmigungsverfahren müssen möglich sein, damit Bürgerenergiegesellschaften konkurrenzfähig werden. Da die Zustimmung der Bürger:innen kongruent mit ihren Beteiligungsmöglichkeiten steigt, muss zudem die aktive Mitnahme der Bevölkerung in den Fokus rücken. Dem verstärkten bürgernahen Ausbau von Erneuerbare-Energien-Anlagen steht, zumindest europarechtlich, nichts mehr im Wege.

Saskia Bleher

engagiert sich  bei NATURSTROM in der Abteilung „Bürgerenergie & Projektbegleitung“ für die bürgernahe dezentrale Energiewende.

NATURSTROM Team
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Unter diesem Profil schreiben NATURSTROM-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die nicht zu den regelmäßigen Blog-Autoren gehören.

3 Kommentare
  • Klaus Klaws
    Gepostet um 13:10h, 26 Januar Antworten

    „die deutsche Regierung an ihre Koalitionsvereinbarungen halten“ müssen wir abverlangen, nicht wie so wie meist still halten.

  • Monika Peters
    Gepostet um 18:44h, 01 April Antworten

    Grundsätzlich bin ich für den Ausbau der erneuerbaren Energien, aber was mich immer wieder irritiert und verärgert ist die Tatsache, dass das ganze sehr windkraftlastig vertreten wird. Ich halte nichts von der übermäßigen Verbreitung der Windräder, da sie in nicht unerheblichen Maß der Tierwelt schadet, unangenehm ist in direkter Nachbarschaft und in den meisten Fällen die Landschaft verschandeln. Ich verstehe diese Entwicklung auch deswegen nicht, da wir in Deutschland noch so viele Dächer haben, die man wunderbar mit Solarmodulen bestücken könnte und die Photovoltaik in der Bevölkerung eine viel größere Akzeptanz genießt. Noch besser wäre natürlich, dabei auch die Bürger zu beteiligen und ihnen die Möglichkeit zu geben, günstige Energie auf dem eigenen Dach zu erzeugen.

    • Dominique Czech
      Gepostet um 15:28h, 05 April

      Liebe Monika,

      es freut uns, dass du den Ausbau der Erneuerbaren generell gutheißt. Dass du das Gefühl hast, dass die Energiewende hierzulande sehr „windkraftlastiger“ sei, liegt besonders an der überproportionalen medialen Aufmerksamkeit für Windenergie – vor allem durch die Gegner:innen dieser Technologie.

      Tatsächlich ist es so, dass von den 2021 insgesamt zugebauten 6,7 Gigawatt Erneuerbaren Energien drei Viertel Photovoltaik waren. Oder anders ausgedrückt: 2021 gingen mehr als 240.000 neue Solaranlagen ans Netz. Demgegenüber stehen gerade einmal 484 Windenergieanlagen zu Lande.
      Apropos Windenergie-Gegnerschaft: Genau die ist maßgeblich für die Vorurteile gegenüber Windenergie verantwortlich – wie dem, dass Windenergieanlagen Tieren in hohem Maße schaden würden. Doch die Zahlen sagen etwas anders:
      „Die Zahl der durch Windenergieanlagen getöteten Vögel ist auch vergleichsweise gering – zwischen 10.000 und 100.000 Vögel pro Jahr. Das entspräche bei derzeit rund 29.000 Windenergieanlagen bundesweit einer Quote von ein bis vier Vögeln pro Windenergieanlage und Jahr. Andere menschengemachte Faktoren sind für Vögel wesentlich fataler: 100 bis 115 Millionen getötete Vögel jedes Jahr in Deutschland nur durch Glasflächen an Gebäuden, etwa 70 Millionen im Straßen- und Bahnverkehr, 20 bis 100 Millionen Vögel werden Opfer von Hauskatzen.“(Quelle: BMWK: https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/FAQ/Windenergie/faq-windenergie.html)

      Hinzu kommt, dass Windkraft ein unerlässlicher Teil der Energiewende ist und das größte Stromerzeugungspotenzial in Deutschland birgt. Die meisten Szenarien für ein Energiesystem mit 100 Prozent Erneuerbaren ergeben, dass Windenergie die Hälfte bis zwei Drittel des benötigten Ökostroms produzieren kann.

      Nichtsdestotrotz hast du natürlich recht, wenn du forderst, dass wir in Deutschland mehr Dächer mit Photovoltaik füllen müssen.

      Viele Grüße
      Dominique

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