COP 24: Polen und die Kohle

Bereits zum dritten Mal innerhalb von elf Jahren findet die Weltklimakonferenz in Polen statt. Vor Ort bei der 24. COP in Kattowitz ist auch Sebastian Scholz, der beim NABU für die Themen Energiepolitik und Klimaschutz zuständig ist. Für uns wirft er einen kritischen Blick auf die Veranstaltung – und ihre Gastgeber.

Warum eigentlich findet die Klimakonferenz ausgerechnet in Polen statt? Immerhin haben hier in den letzten zehn Jahren bereits zwei Klimakonferenzen stattgefunden: im Jahr 2008 in Posen und im Jahr 2013 in Warschau. Die Antwort ist wohl in der Verbindung Polens mit der Kohle zu suchen. Die Klimakonferenz 2018 findet nicht nur in Polen statt, sondern auch noch im Herzen der polnischen Kohlewirtschaft. Der Gastgeber wollte wohl sicherstellen, dass die Konferenzteilnehmer nicht an Kohle als hier alltäglichen Energieträger vorbei kommen.

Denn tatsächlich, Kohle ist hier omnipräsent. Man riecht sie. Der Geruch verbrannter Kohle liegt über allem. Man sieht geradezu überall die Insignien der Kohlenutzung. In der Tram sind die Polster mit stilisierten Kohlefördertürmen verziert. Das oberschlesische Museum ist in einer ehemaligen Miene untergebracht. Kunst untertage? Ist hier völlig selbstverständlich. Das Wahrzeichen des Museums ist ein alter Kohleförderturm, der über die Stadt ragt. Und übrigens direkt neben dem Konferenzgelände ist.

Kohle ist hier ganz tief in der Identität der Stadt verankert. Selbst das Stadtmarketing ist auf Kohle fokussiert. So kann man Seife in Form eines Stücks Kohle kaufen. Auch Schmuck, der Kohlebrocken nach empfunden ist, gibt es hier. Der Pavillon der Stadt Kattowitz auf der Konferenz ist mit diesen Devotionalien genauso wie mit echter Kohle geschmückt. Der direkt benachbarte polnische Pavillon ist auch noch gesponsert von der polnischen Kohleindustrie.

Ich hatte am Wochenende ein zufälliges Gespräch mit einer polnischen Hundebesitzerin, die sich über den Smog beklagte und meinte, dass sogar das Fell ihres Hundes im Winter immer nach Kohleabgasen stinkt. Als ich sie fragte, ob sie mir Sehenswürdigkeiten empfehlen könnte, antwortete sie, dass die hiesigen Kohlemienen und -kraftwerke sehenswert seien. Allerdings würden Leute wie ich – also Mitarbeiter von Umweltorganisationen – dort nicht willkommen sein. Letzteres unterlegte meine Gesprächspartnerin mit einem hämischen Lächeln. Sie war sehr stolz auf den Kohleabbau in ihrer Heimat und machte mir deutlich, dass man über einen Kohleausstieg nicht sprechen kann, denn Kohle sei viel zu tief in der Identität der Region verankert.

Nicht zufällig hat die polnische Konferenzleitung das Thema „Just Transition“ in den Vordergrund rücken wollen. Allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Auf internationaler Ebene ist längst klar, dass ein gerechter Übergang in eine Zeit ohne Kohle nicht nur gerecht für diejenigen sein muss, die derzeit vom Kohleabbau leben, sondern auch für diejenigen, deren Lebensgrundlage von den Folgen der Kohleverbrennung – dem Klimawandel – bedroht werde. Und dass der polnische Präsident bei der Eröffnung der Konferenz äußert, dass Investitionen in Kohle und Klimaschutz kein Widerspruch seien, lockt bei den meisten Konferenzteilnehmer nicht mehr als ein Kopfschütteln hervor. Es ist schon lange keine Frage mehr des Ob, sondern des Wann der Ausstieg aus der Kohle kommt. Da wirken die Bemühungen der polnischen Gastgeber, ein anderes Bild zu erzeugen, schon etwas hilflos.

Auch in Polen ändert sich was. Kohle ist nicht mehr unantastbar. Hier formiert sich eine Bewegung, die sich mit Smog auseinandersetzt. Unter dem Aspekt der Luftverschmutzung ist das Thema Kohleausstiegt durchaus ansprechbar – und mehrheitsfähig, denn auch das Hundefell würde dann weniger stinken. Aber auch darüber hinaus scheint sich langsam etwas zu bewegen, denn jüngst hat erstmals ein polnischer Politiker den Kohleausstieg auch im Energiesektor und nicht nur im Gebäudesektor als notwendig benannt. Auch eine polnische Kollegin bestätigt, dass nun immerhin über Kohle gesprochen werde und so langsam die Debatte darum in der Öffentlichkeit ankomme. Das unterscheide diese Konferenz von der letzten polnischen Weltklimakonferenz in Warschau.

Wenn der Kohleausstieg hier in der Region Oberschlesien aber auch wirklich bei allen Menschen ankommen soll, ist es nötig, eine Geschichte erzählen zu können, die auch die Menschen der Kohleregionen mitnimmt. Der Kohleausstieg bedeutet eben nicht, dass Erbe derjenigen infrage zu stellen, die über Generationen in Kohleminen für den Wohlstand ganzer Nationen gearbeitet haben. Sondern genau das Gegenteil. Nur mit dem Kohleausstieg kann dieses Erbe auch künftig gewürdigt werden. Nur mit dem Kohleausstieg bleibt das Leben überhaupt lebenswert. Und zwar auch in unseren Breiten.

Die Kohlekommission sollte in der zweiten Woche der Klimakonferenz einen Zeitplan vorlegen, bis wann der Kohleausstieg in Deutschland vollendet sein soll. Gemeinsam mit dem Zwischenbericht der Kommission zum Strukturwandel hätte Deutschland auf der Klimakonferenz eine Geschichte erzählen können, wie der Kohleausstieg organisiert werden kann. Und zwar in einem gesellschaftlichen Konsens. Die Bundesregierung selbst hat auf Drängen der Ländervertreter diesen Zeitplan sabotiert. Tragisch, denn eine solche Erzählung hätte hier im Kohleland wirklich einen Unterschied machen können.

 

Gastautor: Sebastian Scholz, Leiter Energiepolitik und Klimaschutz NABU Bundesverband

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