Warum Biogas gerade ein knapper Rohstoff ist

Erdgas ist weiterhin der wichtigste Rohstoff in der deutschen Energieversorgung, gerade im Wärmebereich. Mit Biogas-Angeboten haben nachhaltig orientierte Anbieter wie NATURSTROM bewusst ein Alternativangebot gemacht, damit auch Haushalte mit Gasheizungen und -herden klimaneutrale Energie beziehen können. Seit Ende letzten Jahres wurden aber sehr plötzlich die Biogas-Mengen knapp, weshalb auch wir unser Angebot umstellen mussten. Hier erklären wir die Hintergründe.

Zunächst eine begriffliche Präzisierung: Eigentlich bezeichnet „Biogas“ nämlich nur das, was Biogasanlagen konkret als Produkt bei der Vergärung der biologischen Ausgangsstoffe generieren – und das ist eine Mischung aus Methan, CO2 und kleineren Anteilen weiterer Gase. Dieses Biogas kann vor Ort für die dezentrale Strom- und Wärmeproduktion genutzt, es kann aber nicht direkt ins allgemeine Gasnetz eingespeist werden. Erst nach einer Aufbereitung zu ziemlich reinem Methan entspricht dieses biogen erzeugte Gas chemisch dem fossilen Erdgas und kann also von Haushalten und Unternehmen problemlos als Ersatz genutzt werden. Mehr dazu gibt es in diesem Blogbeitrag. Erstmal wichtig ist aber nur: Chemisch korrekt müsste man bei unseren Gastarifen eigentlich von „Biomethan“ sprechen. Um diesen Rohstoff soll es im weiteren Text auch gehen, auch wenn wir bei der Benennung unserer naturstrom biogas-Tarife eben zunächst weiter die marktübliche Bezeichnung „Biogas“ nutzen.

Biomethan als klimaneutrales Substitut für Erdgas – in allen Bereichen

Methan hat – unabhängig von seiner Produktionsweise – den Vorteil, ein sehr flexibler Energieträger zu sein. In der Wärmeerzeugung ist es in Deutschland sogar der wichtigste Rohstoff, aber Methan kann eben auch zur Stromerzeugung und im Verkehr eingesetzt werden. In der Stromerzeugung soll die Rolle von Gaskraftwerken durch den von der Ampelkoalition beschleunigt vorgesehenen Kohleausstieg sogar kurzfristig wachsen, bevor Gaskraftwerke dann auf Dauer vor allem als Backup in Zeiten mit wenig Wind- und Solarstrom fungieren. Und im Verkehr waren Gasmotoren eigentlich schon immer eine klimafreundlichere Alternative zum Benziner oder Diesel, selbst bei fossiler Betankung. Im Pkw-Bereich hat diese Technologie dennoch nie wirklich Fuß gefasst, aber gerade im Güterverkehr setzen viele Logistikunternehmen heute schon auf Gas als Kraftstoff.

Biomethan weist natürlich die gleiche Flexibilität auf, hat aber zudem den Vorteil, durch seine biogene Entstehung keine fossilen CO2-Emissionen zu produzieren. Biomethan ist damit nicht wie Erdgas nur geringfügig klimafreundlicher als Kohle oder Benzin, sondern komplett regenerativ.

Biogas-Marktentwicklung stagnierte jahrelang

Trotz dieser Vorteile ist Biogas in den letzten Jahren kein Renner mehr gewesen. Sowohl der Bau von neuen Biogas-Anlagen sowie Aufbereitungsanlagen als auch entsprechend die Einspeisemenge von Biomethan ins öffentliche Gasnetz wuchsen ab ca. 2015 nur noch sehr langsam an. In den letzten fünf Jahren stagnierte das Einspeisevolumen deutscher Aufbereitungsanlagen bei jährlich etwa 10.000 Gigawattstunden Biomethan. Das lag vorrangig an den politischen Rahmenbedingungen, Investitionen in diesem Bereich lohnten einfach kaum noch. Aber auch das Marktinteresse an Biomethan als klimafreundlichem Energieträger war begrenzt, da dieser zumindest vordergründig einfach teurer war als das sonst genutzte fossile Erdgas – und nur ein kleiner Anteil der Haushalte war bereit, diese Mehrkosten für die eigene Emissionsreduzierung auf sich zu nehmen.

Neue politische Rahmenbedingungen sorgen für einen Run auf Biomethan-Mengen

Im Jahr 2021 kamen nun eine Reihe von Faktoren zusammen, die den Markt fundamental verändert haben. Vor allem aus dem Verkehrsbereich ist eine stark gestiegene Nachfrage zu verzeichnen. Das liegt vorrangig an dem geänderten Bundesimmissionsschutzgesetz, das mittels einer Treibhausgasquote Kraftstoffhändler zu einer Reduzierung ihrer CO2-Emissionen verpflichtet. Neues Ziel ist nun eine Emissionseinsparung von 25 Prozent für die Quotenverpflichteten gegenüber den gesetzlich festgelegten kraftstoffspezifischen Basiswerten bis 2030 – 2020 waren es gerade einmal sechs Prozent. Die Mineralölunternehmen wollen diese deutlich verschärften Ziele einerseits durch die Förderung von Elektromobilität bzw. den Aufkauf der Treibhausgaseinsparungen von Elektroauto-Nutzer:innen (mehr dazu in einem kommenden Blogbeitrag) erreichen. Andererseits, und das ist bisher das einfachste Mittel, erhöhen sie den biogenen Anteil an den verkauften Kraftstoffen. Und da Biomethan in der Treibhausgasbilanz besser angerechnet wird als klassische flüssige Biokraftstoffe und damit den Treibstoffhändlern bilanzielle Vorteile verschafft, setzen diese stark auf diese Erfüllungsoption. Tankstellen in Deutschland, die komprimiertes Erdgas (CNG) anbieten, werden daher schon praktisch vollständig mit Biomethan versorgt. Und auch für die LNG-Infrastruktur, also für Flüssiggas anbietende Tankstellen, wird verstärkt Biomethan als Ausgangsstoff eingesetzt.

Parallel zu dieser häufigeren Nutzung in den Gastankstellen fragen Speditionsunternehmen Gas stärker als Kraftstoff nach, da Fahrzeuge mit diesem Antrieb temporär von der Autobahnmaut befreit sind. Und auch der seit 2021 geltende CO2-Preis für fossile Brennstoffe verbessert die Marktlage von Biomethan gegenüber den bisherigen fossilen Kraftstoffen.

Teures Erdgas macht Biomethan-Nutzung zusätzlich attraktiver

Zusätzlich zu diesen politischen Stellschrauben haben sich im zweiten Halbjahr 2021 die Preise für fossiles Erdgas extrem verteuert. Biomethan ist damit auch ganz ohne die aufgeführten staatlichen Maßnahmen aus rein wirtschaftlicher Sicht eine Alternative zur Nutzung von fossilem Erdgas geworden – eine Entwicklung, die eigentlich niemand vorausgesehen hat und die für zusätzlich steigendes Interesse an diesem Energieträger sorgt.

Insgesamt steigt also aus verschiedenen Gründen insbesondere aus dem Verkehrssektor die Nachfrage nach Biomethan – sowohl ökonomisch wie politisch und sowohl von Anbieter- als auch von Nutzerseite getrieben. Dadurch herrscht nun eine Situation, in der der Bedarf nach Biomethan deutlich größer ist als das Angebot, wie das Branchenbarometer Biomethan der dena bereits im Sommer 2021 feststellte. Die neuen Nachfrager aus dem Verkehrssektor bieten dabei besonders hohe Preise, weil sie politisch auf die Reduzierung ihrer Emissionen festgelegt sind und hohe Strafzahlungen beim Verfehlen der Ziele drohen. Daher wird der Markt durch diese Akteure leer gekauft.

Verteuerung Erdgas im Markt

Nun könnte man ja laut der Grundregeln der hierzulande geltenden sozialen Marktwirtschaft annehmen, dass eine steigende Nachfrage auch ein steigendes Angebot nach sich zieht. Das ist an sich auch richtig, allerdings brauchen die Planung und der Bau von zusätzlichen Biomethan-Anlagen durchschnittlich drei Jahre. Und da das Interesse sehr sprunghaft im Lauf des Jahres 2021 stieg, kann die Angebotsausweitung nur sehr verzögert mithalten. Aktuell geht die Branche zwar davon aus, dass in ein paar Jahren mehr Anlagen stehen und damit auch das Angebot an Biomethan wieder wächst. Allerdings stellen sich dann noch die Fragen, welche Nachhaltigkeitsqualitäten dieses Biomethan aufweist – also aus welchen Ausgangsstoffen dies produziert wird – und ob nicht das ganze Angebotswachstum weiter von den Anforderungen im Verkehrssektor aufgefressen wird, da die verpflichtenden Emissionsreduzierungen aus der Treibhausgasquote für die entsprechenden Unternehmen kontinuierlich größer werden.

Die Situation bei NATURSTROM: langfristige Einkäufe und besondere Qualitätsanforderungen

Dieses stark gestiegene Interesse an und die daraus resultierende geringere Verfügbarkeit von Biomethan im Markt merken wir natürlich auch bei NATURSTROM. So kamen wir im Herbst 2021 in die Situation, dass es einfach keine Mengen mehr zu kaufen gab, die wir dann unseren Kund:innen liefern konnten. Dank vorher geschlossener langfristiger Verträge hatten wir uns zwar einen großen Teil des benötigten Biomethans für 2022 schon gesichert. Dennoch konnten wir eben nicht so viel Mengen beschaffen wie gewünscht und geplant, insbesondere da wir ja natürlich immer mehr Menschen für unsere klimaneutralen naturstrom biogas-Angebote begeistern wollen.

Zusätzlich erschwert wird der Einkauf von Biomethan-Mengen, da wir bei NATURSTROM auf eine besonders nachhaltige Beschaffung, bislang allein bei Produzenten in Deutschland, achten. Lediglich Gas aus Rest- und Abfallstoffen wird durch uns geliefert, keines aus Energiepflanzen. Dazu haben wir uns mit der Zertifizierung durch das Grüner-Gas-Label verpflichtet. Zwar ist der Biomethan-Markt insgesamt etwas im Wandel, Rest- und Abfallstoffe sowie alternative Energiepflanzen werden immer häufiger als Ausgangsprodukt genutzt. Dennoch stammt knapp die Hälfte der deutschen Biomethanproduktion allein aus Maissubstrat, für alle Energiepflanzen beträgt der Anteil über 70 Prozent. So kommt eben nur ein kleiner Teil der gesamten inländischen Erzeugung für uns überhaupt in Frage.

So sehr uns an sich das steigende Interesse an Biomethan-Angeboten freut, so fatal ist das aus Anbietersicht. Aufgrund der beschriebenen Marktkapriolen und der selbstgewählten Nachhaltigkeitsauflagen gab es zuletzt nämlich nicht mehr so viel Biomethan der gewünschten Qualität, wie wir gerne einkaufen würden. Leider mussten wir daher erst einmal unseren 100- wie unseren 20-Prozent-Biogas-Tarif einstellen, aktuell können wir nur noch Gastarife mit einem Biomethan-Anteil von 10 Prozent anbieten. Dieser ist aber natürlich ebenfalls komplett klimaneutral, die Emissionen des Erdgas-Anteils kompensieren wir durch Klimaschutzprojekte nach dem anspruchsvollen Gold Standard. Und sobald die Marktlage es erlaubt, wollen wir natürlich wieder Tarife anbieten, die allein auf Erneuerbaren Energien basieren – momentan sieht es allerdings nicht nach einer baldigen Entspannung aus.

Sven Kirrmann
sven.kirrmann@naturstrom.de

Unterstützt seit Juli 2019 von Berlin aus die NATURSTROM-Pressearbeit. Schon lange Jahre überzeugter Energiewender, auch beruflich. Unter anderem zuvor bei der Agentur für Erneuerbare Energien mit Kommunikation zu einer nachhaltigen Energieversorgung beschäftigt.

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