25 Jahre Energiewende mit naturstrom

Im April 2023 feiert naturstrom seinen 25. Geburtstag; auch die Liberalisierung des deutschen Strommarkts jährt sich zum 25. Mal. Ein Blick in die naturstrom-Chronik zeigt, wie viel sich seit 1998 im Energiebereich getan hat, welche Hindernisse überwunden wurden und wo die Energiewende heute steht.

Leben und Leiden unter Monopolisten (1998–2005)

Der Strommarkt in den Neunzigern ist mit dem heutigen kaum zu vergleichen: Kohle- und Atomstrom dominieren unangefochten die Stromerzeugung, Heizöl ist Wärmelieferant Nummer Eins und der Strom kommt selbstverständlich vom örtlichen Monopolversorger.

Missglückte Liberalisierung

Die ersten Veränderungen kündigen sich 1997 mit der von der EU beauftragten Liberalisierung der nationalen Strommärkte an. Im Frühjahr des Folgejahres begründet das „Gesetz zur Neuregelung des Energiewirtschaftsrechts“ (EnWG) dann den neuen deutschen Strommarkt, der den Verbraucher:innen erstmals echte Wahlfreiheit geben soll.

Zahllose neue Stromanbieter trauen sich in den ersten Jahren auf den nun freien Markt. „Die meisten wollten nur billigen Strom anbieten, ohne sonstige Qualitäten, wie zum Beispiel Klimaschutz“, erinnert sich Hans-Josef Fell, Energieexperte der Grünen Bundestagsfraktion von 1998 bis 2013. Nicht so die naturstrom AG aus Düsseldorf, die bereits wenige Tage vor der Unterzeichnung des neuen Gesetzes von 16 Überzeugungstäter:innen gegründet wird. Diese wollen die neuen Freiheiten vor allem nutzen, um die noch jungen Erneuerbaren Energien voranzubringen und Atom- und Kohlestrom Schritt um Schritt überflüssig zu machen. Schnell finden sich die ersten 7.000 Kund:innen und schon im Dezember 1998 – noch vor der Einführung der EEG-Einspeisevergütung – geht die erste Photovoltaikanlage mit naturstrom-Förderung ans Netz.

Im badischen Weil fördert naturstrom 1998 zum ersten Mal ein Ökokraftwerk und zahlt dem Betreiber 90 Pfennig die Kilowattstunde. ©naturstrom AG

Treue Kund:innen sichern Existenz

Doch die anfängliche Euphorie weicht schon bald, denn als einziges EU-Mitglied entscheidet sich Deutschland gegen eine staatliche Regulierung des Netzzugangs. Die jungen Energieversorger sowie deren Kund:innen zahlen die Zeche: 900 Verteilnetzbetreiber – oft noch verbandelt mit den lokalen Altversorgern – können willkürlich über die Höhe der anfallenden Netzentgelte entscheiden und so der neuen Konkurrenz den Marktzugang erschweren. „In dieser Phase war die Treue der ersten naturstrom-Kund:innen das Zünglein an der Waage“, erzählt Oliver Hummel, seit 2001 im Unternehmen und heute Vorstandsvorsitzender.

Erst 2005 bringt eine Gesetzesnovelle Ordnung in den nur scheinbar liberalisierten Markt. „Erstmals wurde eine Regulierungsbehörde eingerichtet“, erläutert Uwe Leprich, Energiemarktexperte und Professor an der HTW in Saarbrücken. „Es gab keinen verhandelten Netzzugang mehr, sondern einen regulierten. Das war im Grunde der Schlüssel, um den ökonomischen Verschluss des Marktes aufzubrechen.“

Vier Davids, vier Goliath

Für die meisten Neuanbieter kommt die Reform jedoch zu spät: Allein vier Ökostrom-Versorger – unter ihnen naturstrom – können ihre Unabhängigkeit dank ihres ökologischen Alleinstellungsmerkmals bis dahin bewahren . Stattdessen etablieren sich mit E.ON, Vattenfall, EnBW und RWE vier unangefochtene Platzhirsche, die fast den gesamten deutschen Strommarkt unter sich aufteilten. Die missglückte Liberalisierung hat ein Oligopol in der Energieerzeugung entstehen lassen.

Von der Nische in den Mainstream (2006–2012)

In der zweiten Hälfte der Nuller-Jahre zeigt die EnWG-Novelle Wirkung und unabhängige Stromanbieter wie naturstrom können aufatmen. Bedeutender für die Energiewende ist aber die aufkeimende Klimawandeldebatte: Der vierte UN-Klimabericht katapultiert Klimaschutz nach ganz oben auf die politische Agenda und trägt die Debatten in die breite Öffentlichkeit.

Kampf dem Atomkraft-Comeback

Während mehr und mehr Bürger:innen sich daraufhin für Erneuerbare Energien stark machen und zu naturstrom oder andern Ökostrom-Versorgern wechseln, hat die Schwarz-Gelbe Regierung andere Pläne und beschließt eine Renaissance der Kernenergie: Atommeiler sollen nun bis zu 14 Jahre länger als geplant am Netz bleiben können.

Eine breite Koalition aus Umweltverbänden und Verbraucherschutz-Organisationen mobilisiert gegen die rückwärtsgewandte Politik. Mitte September 2010 protestieren rund 100.000 Menschen – darunter zahlreiche naturstromer:innen – vor Kanzleramt und Parteizentralen für die Energiewende und das Festhalten am Atomausstieg.

Auch wenn das Atom-Comeback nicht verhindert wird, zeigt der zivilgesellschaftliche Protest doch Wirkung: Das Bewusstsein für die drohende Klimakrise und die Gefahren der Kernenergie wächst und vormals nischiger Ökostrom wird Mainstream. Das merkt auch die naturstrom AG, deren Kundenstamm sich zwischen 2007 und 2011 jährlich verdoppelt. Im Januar 2011 begrüßt naturstrom die 100.000. Kundin, im Herbst desselben Jahres sind bereits 200.000 Haushalte, Unternehmen und Institutionen in Belieferung.

Ambitionslose Energiewende

Erst nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima lenkt die Merkel-Regierung ein und nimmt die Laufzeitverlängerung zurück. Trotz der zahlreichen Bekenntnisse der „Klimakanzlerin“ sind die folgenden Jahre jedoch weiterhin geprägt vom Ausbremsen der Energiewende. Nach dem Rekordausbau 2012 wird die deutsche Solarindustrie bewusst in den Abgrund getrieben, zehntausende Jobs gehen innerhalb weniger Jahre verloren.

Die Energiewende nimmt fahrt auf. 2007 geht naturstrom erster eigener Windpark im niedersächsischen Hüll ans Netz. ©naturstrom AG

Wo der Staat versagt, springen naturstrom und andere Akteure der Erneuerbaren-Szene ein und bringen die Energiewende gesellschaftlich und wirtschaftlich gegen alle Widerstände weiter voran. Mehr und mehr Wind- und Solarparks gehen ans Netz – auch wenn mit politischem Rückenwind ein deutlich schnellerer Ausbau möglich gewesen wäre.

Konterrevolution und Klimaschutz (2013–heute)

Auch im Kabinett Merkel III fällt die Klimabilanz mau aus. Prognosen machen 2015 deutlich, wie klar die Regierung die Klimaziele verfehlt – ein Weckruf. Kurz vor der Pariser Klimakonferenz soll daher ein eilig geschnürtes Maßnahmenpaket Abhilfe schaffen. Doch selbst das noch immer zu ambitionslose Vorhaben wird durch die Kohlelobby – mit Verweis auf die Gefährdung von Arbeitsplätzen – torpediert und in der Folge weiter entkernt.

Im Dezember desselben Jahres ringt sich die Weltgemeinschaft in Paris endlich zum 1,5-Grad-Ziel durch. Es herrscht Aufbruchsstimmung, doch die Euphorie verebbt erneut, als US-Präsident Trump offen über einen Abkommensaustritt schwadroniert. Und auch in Deutschland bleibt die Energiewende politisch nebensächlich.

naturstrom geht Mitte der 2010er viele neue Themen an: Erste Mieterstrom- und Nahwärmeprojekte entstehen, im Berliner Möckernkiez realisiert naturstrom ab 2016 erstmals die Strom-, Wärme- und E-Mobilitätsinfrastruktur für ein ganzes Quartier. 2017 bringt naturstrom mit Donk-EE in Köln das seinerzeit europaweit größte E-Lastenradsharing an den Start.

Im genossenschaftlichen Möckernkiez versorgt naturstrom 470 Haushalte mit klimaneutraler Wärme und bietet günstigen Mieterstrom an. ©naturstrom AG

Protest der jungen Generation

Auf der klimapolitischen Bühne scheint indes jahrelang kaum etwas getan zu werden, um die gesetzten Ziele zu erreichen. Da gründet sich 2018 eine neue Protestbewegung: „Fridays for Future“, um die schwedische Schülerin Greta Thunberg, fordert schlicht die Einhaltung des Pariser Klima-Abkommens. Die Politik soll nicht mehr tun als das, was sie ohnehin versprochen hat. Zum ersten Mal sind es vornehmlich Kinder und Jugendliche, die den Klimaprotest in die breite Öffentlichkeit tragen. Die Pläne der Bundesregierung, die deutschen Kohlekraftwerke bis 2038 am Netz zu lassen, sind für die Bewegung ein „Schlag ins Gesicht“. Beim dritten Globalen Klimastreik im Herbst 2019 gehen daher deutschlandweit mehr als 1,4 Millionen Menschen gegen die mutlosen Vorhaben der großen Koalition auf die Straße. Viele Menschen ziehen zudem auch als Verbraucher:innen Konsequenzen: Mitte 2021 versorgt naturstrom 300.000 Kund:innen.

Und auch juristisch begehren die Klimaschützer:innen auf und legen beim Verfassungsgericht Beschwerde ein. Das Urteil der Richter vom April 2021 stärkt die Rechte junger Menschen auf mehr Klimaschutz. Kurz darauf verschärft die Regierung das Klimaschutzgesetz: Deutschland soll 2045 klimaneutral sein – ein Etappensieg.

In 25 Jahren naturstrom haben wir viel bewegt und die Energiewelt verändert. Weg von Kohle und Atomkraft – hin zu Energie mit Zukunft. Blicken Sie mit uns zurück auf große Meilensteine. Hinein in faszinierende Projekte.
Und nach vorne auf wegweisende Ideen.

[vc_btn title=“Zeitreise starten“ style=“outline-custom“ outline_custom_color=“#3d6229″ outline_custom_hover_background=“#3d6229″ outline_custom_hover_text=“#ffffff“ align=“center“ link=“url:https%3A%2F%2F25-jahre.naturstrom.de%2F|title:Zeitreise%20starten|target:_blank“ css=“.vc_custom_1683797479203{padding-top: 15px !important;}“]

Energiewende in schweren Zeiten

2022 kommen die ambitionierten Klimaschutzziele der neuen Ampelregierung ins Wanken. Der Krieg in der Ukraine und die sich entspinnende Energiekrise lassen die Energiewende ein weiteres Mal in den Hintergrund treten. Neue fossile Infrastruktur wird aufgebaut, alte Kohlemeiler wieder ans Netz gebracht – die Bürger:innen zahlen die Zeche für das jahrelange Verschleppen der Energiewende. Dennoch ein Meilenstein: 2022 stammt erstmals rund die Hälfte des verbrauchten Stroms aus Erneuerbaren Energien, deren Zubau wieder an Fahrt gewinnt und endlich entbürokratisiert wird.

Allen Hindernissen und Bedrohungen zum Trotz gibt 2023 Grund zum Feiern: Denn der 16. April markiert nicht nur den 25. Geburtstag von Deutschlands größtem unabhängigen Öko-Stromversorger, sondern viel wichtiger: den ersten Tag eines gänzlich von Atomenergie befreiten deutschen Stromerzeugungsmixes. Wohl das schönste Geburtstagsgeschenk, das man den naturstrom-Gründer:innen von einst hätte machen können.

Mehr Einblicke in 25 Jahre Zukunft mit naturstrom gibt’s auf unserer Jubiläumswebsite.

Finn Rohrbeck
finn.rohrbeck@naturstrom.de

unterstützt seit Juni 2022 das Presseteam bei naturstrom. Zuvor arbeitete er im Veranstaltungsmanagement der Verbraucherzentrale NRW und beschäftigte sich dort mit den Themen Energie und Energieberatung.

2 Kommentare
  • Pingback:25 Jahre Energiewende mit naturstrom - nerdblog
    Gepostet um 18:48h, 17 April Antworten

    […] April 17, 2023 at 01:42PM: naturstrom Blog schreibt zum Thema: 25 Jahre Energiewende mit naturstrom […]

  • Andreas Schug
    Gepostet um 17:17h, 21 April Antworten

    Danke Finn, für den schönen Rückblick durch 25 Jahre Kampf um eine unabhängige, ökologische Energieversorgung. Er lässt ahnen, welches Durchhaltevermögen nötig war, um so weit zu kommen.

Post A Comment