Zehn Jahre Fukushima

Es gibt Momente, die sich ins kollektive Gedächtnis einer Gesellschaft einbrennen. Der 11. September 2001 war so einer, genau wie die Anschläge in Hanau 2020. Und auch der Tag, an dem ein Tsunami über die japanische Ostküste hereinbrach und den GAU im AKW Fukushima Daiichi auslöste, ist vielen noch heute im Gedächtnis. Zum 10. Jahrestag der Katastrophe blicken wir auf die Ereignisse zurück und halten fest, was sie auch hier, mehr als 9.000 km Luftlinie entfernt, in Bewegung gesetzt haben.

11. März 2011. Es ist 6:47 Uhr deutscher Zeit, als ein Seebeben Nordost-Japan erschüttert und einen Tsunami auslöst, der über 500 km² der Pazifikküste des Landes überflutet. Er erreicht auch das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi und löst einen GAU aus. In drei der sechs Reaktoren kommt es zur Kernschmelze, radioaktives Material tritt aus. Der Super-GAU in Fukushima erreicht die höchste Stufe auf der internationalen Störfallskala, genau wie die Nuklearkatastrophe im damals sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl 1986, und weckt damit dunkle Erinnerungen.

„Bisher hatte ich nur von Tschernobyl gehört. Irgendwie schwang dabei immer der Gedanke mit, dass es ja Jahrzehnte her sei, sich seitdem Technik und Sicherheitsmaßnahmen weiterentwickelt hätten“, erzählt Christian Knops, Kommunikationsleiter des Grüner Strom Labels, einem Verein zur Zertifizierung von Ökostrom und Biogas. „Das war alles ganz surreal. Das passiert grade in einem der technisch fortschrittlichsten Länder der Welt und wir haben den Atomausstieg kurz vorher de facto zurückgenommen. Keine unscharfen Schwarz-Weiß-Bilder, sondern Live-Berichterstattung rund um die Uhr auf allen Sendern. Das kannte ich nur vom 11. September.“

„Der 11. März 2011 war ein Freitag. Bereits am Morgen waren die Überschriften von einem schweren Erdbeben mit Tsunami online. Früh war klar, dass auch Atomkraftwerke betroffen waren. Doch das tatsächliche Ausmaß blieb lange unklar“, erinnert sich Dr. Christoph Pistner, Leiter des Institutsbereichs Nukleartechnik & Anlagensicherheit beim Öko-Institut. Das Umweltforschungsinstitut ist 1977 aus der Anti-Atomkraft-Bewegung entstanden und gilt als eines der führenden Umweltforschungsinstitute in Deutschland. „Im Bereich waren die einen fast schon im Wochenende; andere aus unserem Bereich Nukleartechnik & Anlagensicherheit in einer halbtätigen Sitzung. Als sich dann die Ereignisse überschlugen und immer mehr Presseanfragen beim Öko-Institut ankamen, wurde klar, hier kommt auch auf uns etwas zu. Wir haben daher sofort versucht, einen internen Krisenstab aufzubauen und uns über die Ereignisse zu informieren. Durch unsere guten Kontakte zu japanischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern gelang es uns in den kommenden Stunden und Tagen, einen guten Überblick zu bekommen. So konnten wir rasch den vielen Medienanfragen Auskunft geben und die Situation, freilich von weitem, bewerten.“

Und das war auch dringend nötig: „Angesichts der sehr zögerlichen Auskunftspolitik der japanischen Behörden waren unsere Informationen und Einschätzung sowohl für Journalistinnen und Journalisten, aber auch für Bürgerinnen und Bürger sehr wertvoll, um sich über die Gefahrensituation und über mögliche Entwicklungen vor Ort ein Bild zu machen.“

Doch damit begann die Arbeit für Pistner und seine Kolleginnen und Kollegen erst. Sie hatten nun die Aufgabe, zu klären, was die Katastrophe in Japan für den deutschen Umgang mit Atomenergie bedeuten könnte: „In den Wochen und Monaten nach der Reaktorkatastrophe haben wir vor allem viel gearbeitet. Sowohl bei uns im Bereich zu Ursachen, Ablauf und Konsequenzen des Reaktorunfalls in Fukushima selbst, aber auch zu den Sicherheitsüberprüfungen in Deutschland und später Europa, den sogenannten Stresstests und dem Atommoratorium der Bundesregierung. Auch die Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich Energie & Klimaschutz haben die Auswirkungen der kurzfristigen Abschaltung der AKW in Deutschland untersucht, etwa zur Frage, ob wir dann mehr Atomstrom aus Frankreich importieren würden (die kurze Antwort: nein). Wir haben Analysen und Einordnungen für ein beschleunigtes Auslaufen der Kernkraftwerke in Deutschland erarbeitet, zu dessen Beschluss es dann im Juli 2011 mit der letzten Entscheidung des Bundesrates auch kam. Keiner am Öko-Institut hatte geglaubt, dass wir tatsächlich nach dem Unfall in Tschernobyl 1986 nochmal ein solches Katastrophenszenario live miterleben müssten. Nach Jahrzehnten wissenschaftlicher Arbeit rund um die Risiken der Atomkraft und die Alternativen in der Energiewende hätten wir uns ein besseres Ende gewünscht.“

Auch Jochen Stay, Sprecher der Nicht-Regierungs-Organisation .ausgestrahlt, erinnert sich an die Tage und Wochen vor zehn Jahren: „Das war nicht einfach für uns bei .ausgestrahlt.“ Der Verein setzt sich seit 2008 für den Atomausstieg ein und hat vor dreieinhalb Jahren als einer der Mitinitiatoren die Menschenkette mit 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gegen den Weiterbetrieb der umstrittenen belgischen Atomkraftwerke Tihange 2 und Doel 3 organisiert. „Da bestätigte sich das, wovor wir immer gewarnt haben. Es fühlte sich einfach nur schrecklich an, recht behalten zu haben. Die Bilder aus Japan lähmten – und trotzdem mussten wir handeln, mussten Proteste organisieren, damit Deutschland Konsequenzen aus dem dreifachen Super-GAU in Fukushima zieht.“

Statt in Schockstarre zu verfallen, wussten Stay und sein Team: Jetzt gilt es zu handeln. „Es war eine extrem stressige Zeit: Wir organisierten schon zwei Wochen nach dem 11. März die größten Anti-Atom-Demonstrationen in der Geschichte, koordinierten wöchentliche Mahnwachen in über 700 Städten, sprachen mit den Medien, versuchten Einfluss zu nehmen auf die politischen Entscheidungen.“ Der volle Erfolg blieb aus: „Dass dann acht AKWs abgeschaltet wurden und neun Reaktoren noch viele Jahre weiterlaufen konnten, löste bei uns gemischte Gefühle aus: Einerseits hatten die Proteste einen halben Ausstieg erreicht, andererseits blieben massive Risiken erhalten. Noch heute, zehn Jahre später, ist Deutschland zweitgrößter Atomstrom-Produzent in der EU. Es wäre besser, die immer älter und störanfälliger werdenden Kraftwerke sofort abzuschalten und nicht noch bis Ende 2022 zu warten.“

Auch NATURSTROM-Vorstand Oliver Hummel kann sich noch an die Meldungen aus der Krisenregion erinnern: „Die Nachrichten aus Fukushima haben mich damals geschockt, gerade in der ersten Zeit, in der die Folgen noch nicht abschätzbar waren und immer neue Hiobsbotschaften in den Medien zu sehen waren. Die Eindrücke wurden durch die verheerenden Schäden des vorangegangenen Tsunamis natürlich noch deutlich verstärkt. Dass so ein Unglück auch in einem Hochtechnologieland wie Japan passieren konnte, zeigte auch den Deutschen, dass kein Land der Welt, auch nicht unseres, gegen mögliche Atomunglücke gefeit sein kann. Für die Atomkraft in Deutschland war das der Anfang vom Ende.“

Hummel ist seit 2001 bei NATURSTROM und verantwortete 2011 die Endkundenbelieferung. Auch hier bekam er deutlich zu spüren, wie stark die Katastrophe die Debatte um die Atomenergie in Deutschland geprägt hat: „Für NATURSTROM führte das Unglück zu einem nicht gekannten Kundenansturm, der uns in einer Woche 10.000 neue Kunden und damit mehr Kunden als in den ersten 10 Jahren unseres Bestehens brachte. So etwas gab es davor und danach nicht und das zeigt, wie stark das Unglück in Fukushima die deutsche Öffentlichkeit berührt hat.“

„Natürlich war das Thema in aller Munde“, resümiert Knops, der auch persönliche Konsequenzen aus der Katastrophe gezogen hat: „Es bestärkte mich selbst in der Entscheidung, mich im Bereich Erneuerbare Energien beruflich zu orientieren. Ich hatte ein halbes Jahr zuvor mein Geographiestudium abgeschlossen und arbeitete in einer ganz anderen Branche. Ein gutes Jahr später fing ich beim Grüner Strom Label e.V. an und war wieder zurück im Rheinland.

Dort war einiges zu tun: Innerhalb eines Jahres hat sich das Interesse an den Themen Ökostrom und Ökoenergie massiv vergrößert. So haben sich von 2010 auf 2011 die Klick-Zahlen mehr als verdoppelt. Ähnliches lässt sich auch in den Wikipedia-Statistiken zu den Themen ablesen.“

Der Super-GAU von Fukushima hinterließ seine Spuren – vor allem in der direkten Umgebung des Kraftwerks. Noch heute sind über 300 km² rund um das AKW unbewohnbares Sperrgebiet. Im waldigen Bergland, das einen Großteil der Umgebung Fukushimas ausmacht, ist noch immer nicht an Dekontamination zu denken, da Waldbrände, Pollenflug oder Überschwemmungen regelmäßig radioaktiven Niederschlag in der Region verteilten.

In Zeiten eines aus Klimaschutzgründen längst überfälligen Kohleausstiegs wird Atomenergie gerne als die vermeintlich einfache Antwort auf die Frage nach einer wirksamen und klimafreundlichen Energiequelle genannt. Doch ein Blick auf die hohen ökonomischen und ökologischen Kosten zeigt, dass Atomenergie nicht die Lösung ist, sondern lediglich neue Probleme birgt.

„Wir sind wohl leider schnell vergesslich, wenn ich mir die aktuellen Pressestimmen zur vermeintlichen ‚Renaissance von Mikro-AKW‘ durchlese oder sehe, wie viele Widerstände es nach wie vor gegen eine zügige Energiewende gibt“, lautet Knops Urteil zehn Jahre nach einer der größten Atomkatastrophen, die wir je erlebt haben. Für ihn steht fest: Die Zukunft liegt in Erneuerbaren Energien. Denn nur Sonne, Wind und Co. ermöglichen eine klimafreundliche und sichere Energieversorgung. Schon heute.

 

Header: © IMAGO/Kyodo News

Dominique Czech
dominique.czech@naturstrom.de

ist seit April 2018 dabei und schreibt für NATURSTROM über alles rund um die Energiewende. Jenseits des Büros bewegen sie die Themen Ernährung, Konsum und Mobilität – aber bitte in nachhaltig.

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