Ernst Raupach an der Ladesäule für Elektro-Autos

„Lasst uns lieber sofort umsteigen“

Wie kommen wir nicht nur schnell und sicher, sondern auch ökologisch von A nach B? Und was muss sich ändern, damit wir diese Option auch nutzen? Damit beschäftigen wir uns auch bei NATURSTROM – zum Beispiel in Person von Dr. Ernst Raupach, Leiter Mobilitätslösungen und Geschäftsführer der Green Moves, die unser Verleihsystem für E-Lastenräder in Köln betreibt. Wir haben mit ihm über die aktuellen Herausforderungen gesprochen – und seine Motivation dabei.

Ernst, bei den Diskussionen um eine dringend notwendige Verkehrswende ist Elektromobilität eigentlich immer ein Thema. Warum ist es hier so wichtig, umzudenken?

Seit den 70er-Jahren verbrauchen wir weltweit mehr Ressourcen, als sich auf natürlichem Wege nachbilden können, und der Verkehrssektor hat daran einen erheblichen Anteil. Ein Beispiel: In Deutschland wird etwa ein Drittel der Primärenergie im Verkehrssektor umgesetzt. Wenn wir unseren CO2-Ausstoß deutlich verringern möchten, ist ressourcenschonende Mobilität daher ein wesentlicher Faktor. Wir kommen nicht drum herum: Wir müssen auch im Mobilitätssektor in Kreisläufen denken und handeln, um zukunftsfähige Lösungen zu finden. Wir müssen weniger Ressourcen pro kg und km verbrauchen. Ein Baustein hierfür kann die Elektromobilität sein, wenn sie mit Strom aus erneuerbaren Energien gespeist wird.

Allerdings werden wir dafür etwa ein Drittel der gesamten Strommenge in Deutschland zusätzlich erzeugen müssen, also ungefähr so viel, wie bisher insgesamt an erneuerbarem Strom erzeugt wird. Aber die Frage ist ja nicht, ob wir das tun müssen, sondern lediglich, ob wir heute oder in ein paar Jahren umdenken. Unsere Meinung ist: Lasst uns lieber sofort umsteigen. Dann ersparen wir der Natur und uns immense Schäden wie zum Beispiel das CO2, das maßgeblich den Klimawandel verursacht.

Welchen Beitrag kann Elektromobilität denn deiner Meinung nach leisten?

Die drei großen Ressourcenblöcke, die der Verkehrssektor verbraucht, sind der Kraftstoff, die Fahrzeuge und die Infrastruktur. Elektromobilität – also der Umstieg von fossilen Kraftstoffen auf elektrischen Strom – kann den Ressourcenverbrauch bei der Kraftstofferzeugung drastisch reduzieren. Natürlich nur, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen, also ressourcenschonend erzeugt wird. Elektromobilität mit Kohle- oder Atomstrom schadet der Umwelt insgesamt noch mehr als Verbrennungsmotoren.

Ein Vorteil der Elektromobilität ist: Jeder kann einen Beitrag leisten, jeder kann mitmachen. Es bieten sich dafür schon jetzt viele Möglichkeiten. Ein Beispiel: Bei Unternehmen stehen häufig PKW von Mitarbeitern, Kunden etc. tagsüber auf dem Firmenparkplatz – genau dann, wenn eine Solaranlage den meisten Strom liefert. NATURSTROM hat schon einige Projekte durchgeführt, wo Ladestationen für Elektrofahrzeuge aus einer Solaranlage auf dem Firmendach oder einem Carport versorgt werden – eine wunderbare Konstellation für eine saubere und ressourcenschonende Energieversorgung im Verkehrssektor.

Welche Rolle spielt NATURSTROM dabei?

NATURSTROM ist ein nachhaltiger Energieversorger: Seit der Firmengründung gibt es bei uns nur Strom aus erneuerbaren Energien. Die naheliegendste Rolle, die NATURSTROM spielt, ist es, auch für Elektrofahrzeuge Kraftstoff – also Strom – zu liefern, der aus erneuerbaren Quellen stammt. Und das tun wir auch: Wir versorgen über 1.000 Haushalte mit Elektrofahrzeugen, und inzwischen kann man an über 600 öffentlichen Ladestationen auch unterwegs naturstrom laden.

Ernst Raupach an der NATURSTROM-Ladesäule © NATURSTROM AG

Denn nicht nur vielen Autofahrern, sondern auch vielen Ladestationsbetreibern ist es wichtig, dass die Fahrzeuge saubere Energie laden.

Außerdem suchen wir Lösungen, um den Ressourcenverbrauch auch bei der Fahrzeugproduktion und der Infrastruktur zu verringern. Downsizing und Sharing sind hier Lösungsansätze. Muss ich unbedingt im SUV einkaufen fahren oder reicht auch ein Lastenrad? Ein SUV wiegt schnell 2 Tonnen, ein Lastenrad keine 100 kg. Zudem braucht das Rad weniger Platz. Und muss mir das Rad, dass ich vielleicht 2 Stunden pro Tag nutze, allein gehören? Gerade in größeren Städten können Sharingsysteme viele eigene Fahrzeuge ersetzen. Wenn das gelingt, kann auch die Verkehrsinfrastruktur ganz anders ausgerichtet werden. Man benötigt weniger Straßenfläche, Ampeln und Parkplätze und kann die Flächen künftig sinnvoller nutzen.

So haben wir in Köln das E-Lastenrad-Sharingsystem „Donk-EE“ aufgebaut: Hier können nun 60 elektrische Lastenfahrräder rund um die Uhr gemietet werden – ganz einfach per Online-Identifizierung und Smartphone-App. Mit dem System können auch normale Fahrräder betrieben werden, das ist der nächste Schritt.

Technologisch scheinen Elektrofahrzeuge vielen noch nicht ausgereift. Wie können wir dieser Herausforderung begegnen?

Die einzige wesentliche technische Herausforderung bei Elektrofahrzeugen ist derzeit die Speicherung der Energie. Hier bieten sich mehrere Möglichkeiten. Die einfachste sind Akkus – wie im Handy oder im Laptop. Das Problem: Ein Akku kann pro Volumen und Gewicht noch längst nicht so viel Energie speichern wie Benzin. Deshalb sind Akkus bei gleicher Reichweite viel schwerer als ein voller Benzintank. Und bei ihrer Herstellung werden ebenfalls knappe Ressourcen verbaut. In diesem Bereich gibt es nach wie vor Fortschritte, auch wenn derzeit keine großen Technologiesprünge berichtet werden. Die spannende Frage ist, welche Kapazität pro kg hier künftig möglich sein wird. Alternativ kann man die Energie in Wasserstoff oder Bio-Kraftstoffen speichern. Die Erzeugung dieser Kraftstoffe ist aber noch ziemlich ineffizient. Außerdem wird eine aufwändige Versorgungsinfrastruktur benötigt;  einen Akku kann man hingegen zur Not zu Hause an der Steckdose laden.

Angenommen wir schaffen diese nachhaltigen Mobilitätsoptionen. Wie bekommen wir sie auf die Straßen? Bisher fahren dort nur knapp über 100.000 Elektroautos. Um die EU-Klimaziele zu erreichen, müssten allein in Deutschland zumindest sieben Millionen Elektroautos auf die Straße gebracht werden.

Ja, in Deutschland sehen wir bisher einen recht trägen Markthochlauf der Elektromobilität. Hier zeigt sich wie in allen anderen Branchen auch: Der Nachhaltigkeit zuliebe ändern nicht mal zehn Prozent der Bevölkerung ihr Kaufverhalten. Ein nachhaltiges Bewusstsein allein wird es deshalb nicht richten.

Beim PKW-Kauf sind die wesentlichen Treiber die Kosten und – gerade in Deutschland – der Status, den mir das Fahrzeug verleiht. Dazu kommen sogenannte Hygienefaktoren wie die Sicherheit. Ein Elektroauto muss also zum Statussymbol werden. Das könnte es gemeinsam mit anderen Dingen, beispielsweise mit einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach werden. Dann kann man erzählen: „Ich versorge mich selbst“. Und im gewerblichen Bereich geht es einzig um die Gesamtkosten pro Nutzwert. Sobald ein Elektro-LKW günstiger ist, wird er auch gekauft.

Nun könnten wir uns einfach zurücklehnen und warten, bis die Erdölpreise wieder steigen. Klüger und auch fairer wäre es aber, jetzt schon die Folgekosten der Erdölverbrennung einzupreisen – z. B. über eine EU-weite CO2-Steuer. Dann wären Verbrennungsmotoren jetzt schon so teuer, dass niemand mehr auf die Idee käme, ein Auto mit Verbrennungsmotor zu kaufen.

Es muss ja auch nicht das Elektroauto sein. Fahrräder, Lastenräder und auch Roller weisen eine noch bessere Umweltbilanz auf. Viele Städte experimentieren in dem Feld gerade mit Sharingsystemen. Was sind da deine Erfahrungen, als Geschäftsführer der Green Moves?

Fangen wir mit den positiven Erfahrungen an: Aus einer Nutzerbefragung unseres Lastenrad-Sharings „Donk-EE“ wissen wir, dass über ein Drittel der Lastenradfahrten eine PKW-Fahrt ersetzt und weitere 11 Prozent eine Fahrt mit Bus oder Bahn. Das ist ein tolles Ergebnis, denn es zeigt, dass wir mit Lastenrädern tatsächlich PKW-Fahrten unnötig machen und so die Umwelt und die Verkehrsinfrastruktur in Städten erheblich entlasten. Das klappt deshalb so gut, weil mit den Lastenrädern Dinge gemacht werden, für die sonst ein PKW nötig wäre: Kinder chauffieren, große Einkäufe oder sperrige Gegenstände transportieren.

Donk-EE-Ausleihe © NATURSTROM AG

Auch kennen wir schon einige gewerbliche Nutzungen, die prima passen: Beispielsweise fährt ein Donk-EE-Kunde in Köln seine City-Cards aus: Viele Anlaufstationen mit teils schwieriger Parksituation – hier spielt das Lastenrad seine Vorteile aus. Und das zu viel geringeren Kosten als ein PKW. Negativ überrascht hat uns der Aufwand, der uns durch Diebstahl und Vandalismus entsteht, das ist in deutschen Großstädten schon traurig.

Wir haben Donk-EE in den vergangenen Monaten zu einem technisch ausgereiften Produkt entwickelt. Nun stehen wir vor der Herausforderung, mehr Kunden für das System zu begeistern: Kommunen, die Ihren Verkehrssektor nachhaltiger ausrichten wollen, die Flächen, Lärm, Feinstaub etc. einsparen bzw. vermeiden wollen. Gewerbebetriebe, die kostengünstig, flexibel und schnell in Ballungsräumen oder auch auf Werksgeländen kleinere Lasten transportieren müssen. Immobilienbetreiber, die ihre Quartiere durch ein Rad-Sharingsystem aufwerten wollen. Mit Donk-EE können wir die Lebensqualität in Ballungsräumen erhöhen – mit Mobilitätslösungen, die flexibler, billiger und gesünder sind. Und gleichzeitig die Umwelt schonen.

Mehr Lebensqualität mit weniger natürlichen Ressourcen zu schaffen: Das ist die wesentliche Motivation für mich.

Vielen Dank für das Gespräch, Ernst. Auf eine gute Donk-EE-Saison.

Finja Seroka
Finja Seroka
seroka@naturstrom.de

arbeitet seit Juni 2016 bei NATURSTROM. Begeistert sich beruflich und auch privat für nachhaltige Themen. Zuvor hat sie u. a. als Journalistin für Handelsblatt Online und die Funke Mediengruppe gearbeitet. E-Mail

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