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Atommüll-Endlager gesucht. Foto: Pixabay

Über die unendliche Suche nach einem Endlager

Der Atomausstieg ist in Deutschland beschlossene Sache. Doch noch laufen die Reaktoren – und der Müll wird auch nach 2022 weiterstrahlen: 15.000 Tonnen hochradioaktiver und giftiger Müll, strahlend bis zu einer Millionen Jahre. Die Suche nach einem Endlager läuft und wird auch von Bürgern begleitet. Einer davon ist unser Kollege Rolf. Er wurde als Privatperson in ein ehrenamtliches Gremium gewählt. Wir haben ihn für euch interviewt.

Rolf, du bist in einem Beratungsnetzwerk, das die Endlager-Suche in gewisser Weise begleitet. Auch Bürgervertreter wurden gewählt. Sucht ihr jetzt mit nach einem Endlager?

Also ich suche nicht nach einem Endlager und ich bin auch nicht in der Kommission. Ich begleite diesen Prozess – und das ist unglaublich spannend. Wir haben in Deutschland seit Kurzem ein Nationales Begleitgremium: Unabhängige Persönlichkeiten sind in dem Gremium und eben auch drei Bürgervertreter, die zunächst nach dem Zufallsprinzip und einem anschließenden Wahlverfahren ermittelt wurden. Sie sind Schnittstelle zu allen Bürgerinnen und Bürgern und sollen sicherstellen, dass alle Konflikte fair behandelt werden. Die Vertreter schauen darauf, ob alles abgesprochene auch tatsächlich umgesetzt wird. Sie haben eine eigene Geschäftsstelle, eigene Kommunikationskanäle und können beispielsweise selbst Gutachten in Auftrag geben.

Und du bist einer dieser drei Bürgervertreter?

Nein, zusammen mit anderen Ehrenamtlichen berate ich sie. Aber der Reihe nach: Ich bekam vor rund einem Jahr einen Anruf. Meine Telefonnummer war dabei eine von unzähligen Zufallsnummern. Der Anrufer wollte wissen, ob ich als Bürger die Endlagersuche begleiten möchte und lud mich zu einem von fünf Bürgerforen ein. Ich sagte direkt zu – das Thema beschäftigt mich ja schon lange privat. Wir haben uns ein Wochenende lang intensiv mit der Thematik beschäftigt. Am Ende haben wir Vertreter für ein Beratungsnetzwerk gewählt. Da bin ich reingewählt worden.

Das Beratungsnetzwerk soll den drei Bürgervertretern Unterstützung und Rückhalt geben. Es ist eine Art feingliedrige Antenne – wobei eine Antenne senden und empfangen kann. Zum Einen sind wir da, um Informationen rauszugeben und zum Anderen Informationen einzuholen: Wie ist die Resonanz in der Bevölkerung? Was sagen die Leute zur Endlagersuche?

Nach dem regionalen Bürgerforum fand ein Treffen in Berlin statt. Dort haben wir die drei Bürgervertreter gewählt. Ich bin es nicht geworden, aber drei Experten, die uns alle glaube ich sehr gut vertreten können.

Das klingt nach viel Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Veranstaltungen spielen auch eine Rolle – vor kurzem die Besichtigung der Asse, eines Endlagers für  schwach- und mittelradioaktiven Atommüll. Wie hast du den Besuch erlebt?

Als sehr beeindruckend. Ein Besuch dort zeigt ganz klar, welche Fehler wir nicht wiederholen dürfen. Die Asse wurde in den 60er Jahren einfach als Zwischenlager auserkoren. Als sich der wissenschaftliche Kenntnisstand zu nuklearem Abfall und zum Zustand des Bergwerkes weiterentwickelte, hat sich am Status der Asse nichts geändert. Erst rund 30 Jahre später wurde zugegeben: Das ehemalige Salzbergwerk ist ungeeignet und könnte gar absaufen. Wenn das passiert, lässt sich der Atommüll nicht mehr herausholen.

Rolf Zimmermann, NATURSTROM-Mitarbeiter. Begleitet die Atommüll-Endlagersuche privat.

Rolf Zimmermann, NATURSTROM-Mitarbeiter. Foto: NATURSTROM

Die Asse ist ein 100 Jahre altes Bergwerk und dabei extrem instabil. Das musst du dir vorstellen wie einen löchrigen Käse bei dem die Löcher schon sehr, sehr groß sind und drohen einzureißen.

Wir haben uns für die Führung zunächst im Besucherzentrum Asse getroffen und sind dann ins ehemalige Bergwerk eingefahren: mit Dosimeter und richtigen Bergarbeitersachen. Wir mussten uns splitterfasernackt ausziehen und komplett neu ankleiden.

Es war ziemlich warm da unten. Das anstrengendste war, dass wir ein Sauerstoffgerät dabei haben mussten – für den Brandfall. Von dem atomaren Abfall selbst haben wir nichts gesehen, aber es war trotzdem sehr eindrucksvoll, vor Ort alles erklärt zu bekommen.

Der Atommüll soll nicht in der Asse bleiben. Aber um den Müll hochzuholen, müssen sie  etliche Stabilisierungsmaßnahmen durchführen und noch einen komplett neuen Schacht bauen. Und dann braucht es ein Zwischenlager…

Bei so einem Besuch bekommt das Thema der Endlager-Suche bestimmt eine ganz andere Bewandtnis für dich. Welche Bedeutung hat deine Aufgabe im Beratungsnetzwerk für dich?

Für mich ist das ebenso aufregend wie ambivalent. Auf der einen Seite bin ich so ganz nah dran an einem Thema, das mich seit Jahren beschäftigt. Eigentlich schon seit Tschernobyl, auch wenn ich damals nicht verstanden habe, warum ich das Gemüse aus dem Garten nicht mehr essen durfte. Meinen persönlichen Atomausstieg habe ich 2011 vollzogen: mit dem Wechsel zu naturstrom. Obwohl ich seitdem keinen Atomstrom mehr konsumiere, bin ich ja trotzdem an dem Atommüll beteiligt, der entstanden ist. Ich habe da auch eine gewisse Verantwortung – auch wenn ich nicht direkt dafür verantwortlich bin, was gebaut wurde.

Ich habe sogar ein gewisses Verständnis für die Atomenergie: Zunächst war sie überall hochgelobt, ein Technikwunder, spannend. Jetzt haben wir den Müll und den Ausstieg – und müssen schauen, wie wir mit dem Müll verantwortungsvoll umgehen. Diesen Prozess der Endlagersuche darf ich in der zweiten Reihe begleiten. Ich mache das gerne, hege aber auch die Sorge, für etwas instrumentalisiert zu werden, was am Ende keine richtige Bürgervertretung ist.

Wo steht ihr gerade – und was wünschst du dir?

Wir befinden uns gerade in der Positionierungsphase: Wir ordnen Rollen ein, kümmern uns um Kommunikationsstrukturen, diskutieren viel. Auch Hausaufgaben von der Politik gibt es schon.

Ich wünsche mir eigentlich, dass es so weitergeht wie bisher: Dass ich an interessanten Veranstaltungen teilnehmen kann. Dass wir als Beratungsnetzwerk und auch als Begleitgremium eine Wertschätzung erfahren für unsere Arbeit – und keine bösen Überraschungen erleben. Dass die Suche wirklich mit der Transparenz fortgeführt wird, die auch auf die Agenda geschrieben wurde. Und dass ich diesen Prozess mit guten Beiträgen bereichern kann.

Lieber Rolf, Danke für das Gespräch.

Hinter der Geschichte:
Rolf Zimmermann arbeitet bei NATURSTROM am Standort Düsseldorf. Er ist ein Bürger, der zufällig ausgewählt wurde, um Vertreter für das Nationale Begleitgremium zu ermitteln. Dabei ist er in das Beratungsnetzwerk gewählt worden. In dieser Rolle ist Rolf privat unterwegs. Mit seiner Arbeit bei NATURSTROM ist er dort von Anfang an offen umgegangen. Wenn er in einem Unternehmen arbeiten würde, das an Atomkraftanlagen beteiligt ist, könnte er nicht teilnehmen. NATURSTROM ist von Anfang an unabhängig von der Kohle- und Atomindustrie. Im Bürgerforum gab es deshalb keine Bedenken.

 

Finja Seroka
Finja Seroka
seroka@naturstrom.de

arbeitet seit Juni 2016 im Presseteam von NATURSTROM. Begeistert sich beruflich und auch privat für nachhaltige Themen. Zuvor hat sie u.a. als Journalistin für Handelsblatt Online und die Funke Mediengruppe gearbeitet.

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