Quartiere: ein Schlüsselfaktor für Klimaneutralität

Wenn es um die nachhaltige Umgestaltung unserer heutigen Wärmeversorgung geht, fällt schnell das Stichwort „Quartier“. Auch NATURSTROM setzt stark auf Quartiere als Instrument in der Wärmewende und im politischen Raum finden entsprechende Ansätze ebenfalls immer mehr Widerhall. Aber was ist denn genau unter einem Quartier zu verstehen und welche Vorteile bietet der Ansatz? Das wollen wir hier erklären.

In der bisherigen durch fossile Energieträger dominierten Welt wird Strom vorrangig in zentralen Kraftwerken erzeugt und die Wärmeerzeugung liegt in der Verantwortung der einzelnen Gebäudeeigentümer:innen. Zudem werden Infrastrukturen in den meisten Fällen streng nach Sektoren getrennt gedacht. So ist weitgehend jedes Gebäude in unseren Städten und Gemeinden bisher als separates System gewachsen.

In einer klimaneutralen Welt werden unsere Energiesysteme dagegen auf Erneuerbaren Energien basieren, die sich durch ein hohes Maß an Dezentralität auszeichnen. Energie wird also viel stärker direkt dort gewonnen, wo sie auch verbraucht wird. Dies ermöglicht es Städten und Gemeinden, sich künftig zu einem großen Anteil mit lokal selbst erzeugter Energie zu versorgen. Außerdem wird das künftige Energiesystem aus Klimaschutzgründen einen hohen Elektrifizierungsgrad aufweisen. Das heißt, wir werden auch für Wärme- bzw. Kälte- sowie Verkehrsanwendungen anstatt auf fossile Verbrennung viel stärker auf Technologien setzen, die mit günstigen und gut verfügbarem Ökostrom betrieben werden können – wie etwa Elektromobilität oder Wärmepumpen. Das heißt auch, dass die bisher oft starke Trennung der einzelnen Energiesektoren aufgebrochen werden muss – eine solche ganzheitlichere Betrachtung gestattet auch eine deutliche Senkung des Energieverbrauchs.

Um lokale Sektorenkopplung jedoch in die Realität umzusetzen, bedarf es insbesondere im städtischen Raum den Blick über den Tellerrand eines einzelnen Gebäudes hinaus. Denn die Potenziale vor Ort lassen sich vor allem dann heben, wenn Versorgungsfragen in größeren räumlichen Zusammenhängen, und damit auch in etwas größeren Einheiten, eben in sogenannten Quartieren, gedacht werden können. In Quartieren können viele Versorgungsfragen viel effizienter als in einzelnen Gebäuden gelöst werden. „Im Quartier stoßen alle Sektoren aufeinander und es ergeben sich vielfältige Synergien. Beispielsweise können lokale Erneuerbare-Energien- oder Effizienzpotenziale genutzt, Anlagen und Speicher optimal ausgelegt, positioniert und betrieben sowie unterschiedliche Bedarfsprofile ausgeglichen und somit die Flächeneffizienz im Gesamtquartier erhöht werden.“, erklärt Jan Husemann, Projektingenieur für dezentrale Vor-Ort-Versorgungslösungen bei NATURSTROM. Dabei ist der Begriff Quartier im städtebaulichen Zusammenhang bisher nicht fest definiert. Grundsätzlich könnte ein Stadtteil ebenso als Quartier bezeichnet werden wie ein gemeinsamer Wirtschafts- oder Versorgungsraum. Zudem wird das Quartier auch im regulatorischen Rahmen noch wenig berücksichtigt – auch wenn das politische Interesse an entsprechenden Ansätzen steigt.

Eine aktuelle Studie der Deutschen Energie-Agentur (dena) zeigt, dass die quartiersoptimierte Versorgung auch deutliche ökonomische Vorteile gegenüber der Einzelgebäudeversorgung aufweist. Voraussetzung ist, dass eine ausreichende Wärmebedarfsdichte vorhanden ist. Die Energieversorgung ist für Strom und Wärme zusammen betrachtet bei der Quartiersoptimierung 30 bis 40% günstiger als bei Optimierung der Einzelgebäude. Das liegt an einem erhöhten Selbstversorgungsgrad mit kostengünstigen, lokal erzeugten erneuerbaren Energien bei der Quartiersversorgung wie Solarenergie, Geothermie und Abwärme sowie dem Zugang zu zusätzlichen Versorgungsoptionen wie Direktlieferverträge mit regionalen Erneuerbare-Energien-Kraftwerken. Lediglich in ländlichen Gebieten mit geringer Wärmebedarfsdichte sind laut dena solche Quartierslösungen mit zentraler Wärmeversorgung für mehrere zusammengeschlossene Immobilien teurer als eine separierte Wärmeversorgung für jedes Einzelgebäude.

Ein Paradebeispiel für einen solchen Quartiersansatz ist das Neubau-Quartier Kokoni One, welches in Zusammenarbeit mit der Incept GmbH, Teil der ZIEGERT Group, im Berliner Norden entsteht. Das Quartier umfasst 32 Doppel- und Reihenhäuser mit insgesamt 84 Wohneinheiten auf einer Gesamtfläche von 23.000 qm. Auf Basis von Solarenergie und Erdwärme wird eine effiziente, erneuerbare Vor-Ort-Energieversorgung realisiert, die komplett ohne Brennstoffe und damit natürlich auch ohne fossile Energieträger auskommt – damit werden im Quartier nicht nur keine Treibhausgase freigesetzt, sondern auch jegliche anderen Emissionen, die aus Verbrennungsprozessen anfallen, werden vermieden. Der vor Ort gewonnene Solarstrom wird zukünftig in den Häusern, zum Betrieb der Wärmepumpen und auch für Elektroautos eingesetzt. Durch die solarbasierte Wärme- und Stromversorgung können pro Jahr 293 Tonnen CO2 (Äquivalente) eingespart werden (gegenüber einer Energieversorgung mittels Blockheizkraftwerk mit 10% Biomethan und im Vergleich zur CO2- Emission des deutschen Strommix 2019). Das entspricht etwa 25 Flügen um die Welt!

Darüber hinaus zeigt Kokoni One, welche Chancen Quartiere auch auf sozialer Ebene bieten können. „Bei Kokoni bestimmt das Miteinander – in der Familie, mit Freunden, aber auch in der Nachbarschaft – die Art und Weise, wie wir Immobilien denken und entwickeln.“, sagt Kyrill Radev, CEO von Incept und Group CEO der Ziegert Group. So entstehen in dem neuen Quartier nicht nur Wohngebäude, sondern auch verschiedene Orte für gemeinsame Hobbies, Projekte und Rituale wie z.B. autofreie Höfe, Outdoor-Sportgeräte, eine Streuobstwiese und ein Gemeinschaftshaus.

Auf dem Weg zur Klimaneutralität sind Quartiere also vor allem in städtischen Räumen ein zentraler Schlüsselfaktor. Denn klimaneutrale Energiesysteme brauchen lokale Sektorenkopplung, und hierfür ist die Planung in größeren räumlichen Zusammenhängen unumgänglich. Zudem bieten Quartiere auch darüber hinaus viele Chancen zu nachhaltigen und gesunden Nachbarschaften beizutragen. Um Quartierslösungen zu stärken, ist insbesondere die Weiterentwicklung des regulatorischen Rahmens notwendig, da nur so die ökonomischen Vorteile vor Ort tatsächlich genutzt werden können.

Daniela Ives

ist seit 2020 bei NATURSTROM und verantwortet das Produktmarketing in unserem Geschäftsbereich Dezentrale Energieversorgung.

NATURSTROM Team
onlinemarketing@naturstrom.de

Unter diesem Profil schreiben NATURSTROM-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die nicht zu den regelmäßigen Blog-Autoren gehören.

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