NATURSTROM Interview nachhaltige Stadtentwicklung Stephan Anders

„Gebäude werden zu Energieproduzenten“ – Dr. Stephan Anders im Interview

Wie sieht die Stadt der Zukunft aus? Und welche Rolle spielen die Erneuerbaren Energien dabei? Laut Dr. Stephan Anders eine große. Der Architekt und Stadtplaner ist Leiter der Abteilung System der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB).

Anders und seine Kollegen Helmut Bott und Gregor Grassl veröffentlichten 2013 das Fachbuch „Nachhaltige Stadtplanung“, in dem sie „Strategien für die Stadt von morgen“ entwickeln. Wir sprachen mit Dr. Anders über den Status quo ökologischen Wohnens und warum Anreize Seitens des Gesetzgebers und aufgeklärte Bürger der Schlüssel für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung sind.

Dr. Anders, Sie beschäftigen sich mit nachhaltiger Stadtentwicklung. Warum ist das Thema gerade so wichtig?

Spätestens seit der Weltklimakonferenz 2015 in Paris und dem daraus resultierenden Klimaschutzabkommen wissen wir, dass Wegschauen und Ausreden finden keine Optionen mehr sind. Wir müssen grundlegend etwas verändern. Das gilt in besonderem Maße auch für die Bau- und Immobilienwirtschaft und die Stadtentwicklung. Das ganzheitliche Prinzip der Nachhaltigkeit, wie wir es bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen verfolgen, setzt hier an. Dabei geht es über die Ökologie hinaus immer auch um Wirtschaftlichkeit und den Menschen. Wir müssen Gebäude, Quartiere und Städte entwickeln, in denen wir uns wohlfühlen, die langfristig bezahlbar sind und das Ganze im Einklang mit der Umwelt. Wir übersetzen Nachhaltigkeit gerne mit Qualität und Zukunftsfähigkeit. In unseren Zeiten halten wir diesen Weg für alternativlos.

Wie ist der Stand der Dinge: Wo stehen wir in Sachen ökologischem Wohnen heute?

Es gibt eine ganze Reihe von Akteure, die verstanden haben, wie wichtig ökologisches, oder vielmehr nachhaltiges Bauen ist. In einigen Bereichen der Bau- und Immobilienwirtschaft ist das bereits umfänglich angekommen. Im Wohnbereich stehen wir noch deutlich mehr am Anfang. Hier muss sich noch viel bewegen. Vieles ist hier noch rein renditegetrieben. Außerdem muss man sich leider immer noch viel zu häufig dafür rechtfertigen, wenn man den nachhaltigen Weg gehen will. Hier braucht es noch ein gesellschaftliches Umdenken und ein stärkeres politisches Gegenwirken.

Was sind die Trends im Bereich nachhaltige Quartiersentwicklung? Welche Rolle spielt Energie dabei?

Das ist zum einen natürlich die Digitalisierung, die das Bild unserer Städte in den nächsten Jahren in vielerlei Weise verändern wird, beispielsweise mit Building Information Modeling und Augmented Reality auf der Baustelle. Hier nicht allen technischen Möglichkeiten nachzurennen, sondern Lösungen zu finden, die echten Mehrwert in puncto Lebensqualität und Energieeffizienz bringen, ist eine wichtige Aufgabe im Bereich der nachhaltigen Quartiersentwicklung. Überhaupt sind Energiekonzepte auf Quartiersebene sowie die Vernetzung von Gebäuden beim Energiemanagement wichtige Trends. Gebäude werden mehr und mehr selbst zum Energieprodzenten. Hier braucht es die passenden Lösungen, wie dies im Quartier am besten genutzt werden kann. Auch die stärkere Partizipation der Bürger in frühen Planungsphasen ist ein wichtiger Trend, weil er dabei helfen kann, die spätere Akzeptanz zu erhöhen und damit auch das Funktionieren des Quartiers bereits im Vorfeld positiv zu beeinflussen.

Darüber hinaus gewinnt das Thema Resilienz, also die Widerstandsfähigkeit gegenüber besonderen (klimatischen) Einflüssen, zunehmend an Bedeutung – auch in Deutschland. Wir alle haben in den letzten Jahren ja selbst erlebt, dass die Zahl der Extremwetterlagen wie Starkregen zunimmt. Mehr Herausforderung als Trend ist nicht zuletzt die mit Recht viel diskutierte Frage nach bezahlbarem Wohnraum. Eine nachhaltige Quartiersentwicklung findet hier im Idealfall die passenden Antworten, auch im Hinblick auf die Frage nach einer gesunden Durchmischung der Quartiere.

Wo sehen Sie derzeit Konflikte?

Die Konflikte beim bezahlbaren Wohnen liegen auf der Hand. Auf der einen Seite möchten wir Flächen im Außenbereich schützen. Auf der anderen Seite explodieren die Immobilienpreise. Private Akteure bieten höhere Preise für freie Grundstücke als Kommunen, bauen jedoch meist keinen bezahlbaren Wohnraum. Kommunen sind deshalb wieder verstärkt in der Verantwortung, eigene Grundstücke nicht an den Höchstbietenden zu verkaufen, sondern an denjenigen mit dem nachhaltigsten Projekt. Ebenso sind gemeinschaftliche Wohnformen wie Baugemeinschaften und -genossenschaften ein vielversprechender Ansatz, bezahlbaren und nachhaltigen Wohnraum zu realisieren.

Können Sie uns erläutern, inwieweit ökologische Aspekte vom Gesetzgeber vorgeschrieben werden?

Die nachhaltige Entwicklung steht schon seit einiger Zeit im Baugesetzbuch. Ansonsten gibt es die in Deutschland verpflichtende Energieeinsparverordnung, die bereits seit einiger Zeit umfassend novelliert werden soll. Hier setzen wir uns als DGNB mit dem Entwurf eines „Gebäude-Emissions-Gesetzes 2050“ dafür ein, dass die Neufassung ein wirkungsvolles, einfaches und verständliches Instrument wird, das zum Erreichen der Klimaschutzziele auch wirklich beiträgt. Über die gesetzgeberischen Vorgaben hinaus können Kommunen selber Auflagen machen. Gründächer und die Versickerung des Regenwassers sind meist Standard bei Neubaugebieten. Zusätzlich werden im Zuge der Baugenehmigung in der Regel immer auch ökologische Faktoren wie die Auswirkung auf das Stadtklima, auf vorhandene Pflanzen- und Tierarten sowie der Gewässer- und Bodenschutz berücksichtigt.

Inwiefern geht die Initiative von Seiten der Auftraggeber selbst aus?

Die DGNB bietet ja ein Zertifizierungssystem für nachhaltige Gebäude und Quartiere an, nach dem bereits mehr als 3.000 Projekte ausgezeichnet wurden. Was all diese Projekte gemein haben, ist, dass die Auftraggeber immer gewillt sind, mehr zu machen, als es der Gesetzgeber vorgibt. Und es lohnt sich für sie in vielerlei Hinsicht. Sie sparen nicht nur mittel- und langfristig Kosten ein, sie steigern das Wohlbefinden der Menschen in den Gebäuden und leisten einen Beitrag für Klima und Umwelt.

Was sind Ihrer Meinung nach die effektivsten Anreize, um ökologisches Bauen voranzutreiben?

Ohne finanzielle Anreize wird es in dem großen Maßstab, den wir benötigen, nicht gehen. Hier sind politische Entscheidungsträger genauso gefragt wie Fördermittelgeber, Investoren und Banken. Ansonsten braucht es das schon genannte gesellschaftliche Umdenken. Solange geduldet wird, dass schnell und billig gebaut wird, ohne auf Qualität achten zu müssen, wird dies auch passieren. Nachhaltig muss unserer Meinung nach zum neuen Normal werden, ohne Wenn und Aber.

Wieso ist die Ebene der Stadtquartiere für die Umsetzung nachhaltiger Konzepte geeignet?

Weil es die Betrachtung von der reinen Gebäudeeben wegnimmt und so Potenziale zur Schaffung von Synergien gehoben werden. Nicht alle Gebäude in einem Quartier müssen mehr Energie produzieren, als sie verbrauchen. Das ist gerade bei der Debatte um die energetische Sanierung von denkmalgeschützten Gebäuden ein wichtiger Aspekt.

Was sind die Vorteile einer dezentralen Wärmeversorgung?

Einerseits erhöht es die Flexibilität. Anderseits reduziert es die Abhängigkeit vom Versorger.

Wie stellen Sie persönlich sich die Stadt der Zukunft vor? Wie nachhaltig ist sie?

Nachhaltigkeit ist ein Konzept, dass sich in Attributen ausdrückt. In Attributen wie lebenswert, lebendig und smart. Und genau so stelle ich mir die Stadt der Zukunft auch vor.

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für uns genommen haben.

Zur Person:

Stephan Anders hat an der Universität Stuttgart und der ETH Zürich Architektur und Stadtplanung mit dem Schwerpunkt „Städtebau & Stadtplanung“ studiert. Von 2009 bis 2015 war er akademischer Mitarbeiter und Doktorand am Städtebau-Institut der Universität Stuttgart, wo er sich nachhaltigen Stadt- und Quartierskonzepten gewidmet hat. 2016 veröffentlichte er seine Dissertation mit dem Titel „Stadt als System“.

Seit 2012 ist er für die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e. V. (DGNB) tätig. Seit 2017 leitet er die Abteilung System bei der DGNB, deren Kernaufgabe die nationale und internationale Anwendung des DGNB Zertifizierungssystems ist. Parallel dazu ist als Honorarlehrkraft für die Hochschule für Technik Stuttgart tätig.

Im Oktober 2018 erscheint die zweite, grundlegend überarbeitet Auflage seines Buches „Nachhaltige Stadtplanung“.

Foto: Dr. Stephan Anders

Dominique Czech
Dominique Czech
dominique.czech@naturstrom.de
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