Energiewende im hohen Norden: Schweden als Klima-Vorbild?

Begriffe wie „klimatsmart“ (cleveres Handeln in Bezug auf das Klima) und „flygskam“ (Flugscham) zeigen: Die Schweden sind umweltbewusst und handeln klimafreundlich. Zudem verfolgt die schwedische Regierung ein ehrgeiziges Klimaziel: Bis 2045 möchte das Land klimaneutral sein. Doch handeln die Nordländer tatsächlich so umweltfreundlich, wie es scheint? Dazu haben wir eine Expertin befragt: Linnéa Andersson ist waschechte Schwedin und hat Umweltwissenschaften in Göteborg studiert. Aktuell absolviert sie ein Praktikum im Produktmarketing von NATURSTROM.

Linnéa Andersson ist Energiewende-Expertin für Schweden.

Schon im Sommer 2017 hat die schwedische Regierung ein ambitioniertes Klimagesetz verabschiedet: Bis 2045 möchte das Land seine Netto-CO2-Emissionen auf 0 senken. Ziel dabei ist es, den Ausstoß um 85 Prozent im Vergleich zum Basisjahr 1990 zu senken. Die verbleibenden 15 Prozent sollen durch verschiedene Maßnahmen erreicht werden: Durch eine erhöhte CO2-Aufnahme von Wald und Böden (etwa durch Aufforstung), durch Kompensationsmaßnahmen im Ausland sowie durch die Lagerung von Kohlendioxid. Letzteres soll durch die sogenannte Carbon-Capture-Storage-Methode realisiert werden, bei der das klimaschädliche Gas unter der Erde gelagert wird. Doch die Technologie ist umstritten, denn im Falle von Leckagen drohen schädliche Auswirkungen auf das Grundwasser und die Böden.

Auch, wie der Kohlendioxidausstoß ganz konkret gemindert werden soll, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht beschlossen: So plant die schwedische Regierung, alle vier Jahre einen klimapolitischen Fahrplan festzulegen. Hierfür soll das Naturvardsverket, das schwedische Umweltamt, bis zum Frühjahr 2019 einen Entwurf erarbeiten. Dieser soll dann im November von der neuen Regierung verabschiedet werden. Entsprechend bleibt abzuwarten, ob und wie die ehrgeizigen Klimaziele tatsächlich erreicht werden.

Doch erste Erfolge gibt es bereits: Seit dem Basisjahr 1990 konnte der CO2-Ausstoß um 26 Prozent gesenkt werden – vor allem durch den Ausbau einer kohlendioxid-freien Stromproduktion. Zudem wurden Ölheizungen durch Fernwärmeleitungen ersetzt. Und auch in der Industrie wurde Öl durch andere Brennstoffe ausgetauscht. Klingt gut – und doch gibt es da ein Problem: Denn nicht alle Emissionen, die die Schweden verursachen, werden in die CO2-Rechnung miteinbezogen. So werden beispielsweise die Ausstöße, die die Schweden im Ausland verursachen, nicht einberechnet. Und so beinhalten die 26 Prozent Minderung im Vergleich zum Basisjahr lediglich Emissionen, die innerhalb der schwedischen Landesgrenzen erzeugt wurden. Für den Sektor Transport bedeutet dies, dass Reisen und der Güterverkehr innerhalb Schweden in die Berechnung einfließen, aber nicht die Urlaubsreise zum Mittelmeer oder internationale Frachttransporte per Schiff. Waren, die exportiert werden, sowie Lebensmittelimporte, fallen ebenso aus der Statistik heraus. Die Methode, lediglich den Inlands-CO2-Ausstoß zu messen, ist daher Schönfärberei. Doch wie ginge es besser?

Europa-Landkarte

Trotz ambitionierter Klimaziele: Aktuell leben die Schweden so, als hätten sie vier Erden zur Verfügung.

CO2-Emissionen besser messen mit dem ökologischen Fußabdruck

Eine alternative Art und Weise, den CO2-Ausstoß eines Landes zu errechnen, ist die Methode des ökologischen Fußabdruckes. Dieser wird in der Einheit „globaler Hektar” (gha) gemessen und bezieht sich auf die biologisch produktive Fläche, die notwendig ist, um den Lebensstandard eines Menschen dauerhaft zu ermöglichen. In die Berechnung fließt die Bevölkerungszahl eines Landes sowie ihr Konsum ein – inklusive der Importe und minus der Exporte. So werden die Klimaauswirkungen verschiedener Lebens- und Konsumstile sichtbar.

Im Gegensatz zum Inlands-CO2-Ausstoß liegen die Emissionen, die die Schweden durch ihren Konsum und durch Auslandsreisen verursachen, weiterhin auf einem hohen Niveau. Nimmt man den ökologischen Fußabdruck als Maßstab, so nimmt Schweden den 14. Platz in der Weltrangliste – wohlgemerkt den 14. Platz der schlimmsten Klimasünder – ein! Dies macht die Nordländer nicht gerade zu einem Vorbild.

Und doch hört man allzu oft in Schweden die Ausrede: „Was spielt es für eine Rolle, was ein Land mit nur 10,5 Millionen Einwohnern tut? Andere Länder haben doch einen viel größeren Einfluss auf das Klima.” Doch das ist so nicht richtig: Denn jedes Gramm weniger CO2 zählt. Außerdem nimmt Schweden mit dem neuen Klimagesetz eine Vorreiterrolle ein und kann so auf das Verhalten anderer Länder einwirken. Da die Schweden zudem über einen hohen CO2-Ausstoß verfügen und so leben, als gäbe es vier Erden, ist es sinnvoll, selbst die Emissionen eines solch bevölkerungsarmen Landes zu senken.

Aber: Es tut sich was!

Ein gute Nachricht gibt es aber: Der Schutz von Klima und Umwelt wird den Schweden zunehmend wichtiger.

Für viele Schweden hat das Thema Klimaschutz in den vergangenen Jahren an Relevanz gewonnen – insbesondere nach den Wetterkapriolen des Sommers 2018, der außergewöhnlich heiß und trocken war und mit verheerenden Waldbränden im ganzen Land einherging. Die gestiegene Aufmerksamkeit in der Bevölkerung gibt Hoffnung: Erste Erfolge des zunehmenden Bewusstseins werden langsam sichtbar. Schon seit einigen Jahren steigen die Fahrgastzahlen bei nationalen, aber auch bei internationalen Zugreisen stark. Zeitgleich hat die Popularität von Flugreisen abgenommen – was sich in jüngster Zeit auch in dem Ausdruck „flygskam“ widerspiegelt.

Nach vielen Jahren, in denen der Fleischkonsum immer weiter angestiegen ist, sank der Verzehr 2018 erstmals wieder. Dieser „Vegotrend”, wie die Entwicklung hin zu vegetarischen und veganen Ernährungsweisen in Schweden genannt wird, ist besonders unter jungen Menschen stark ausgeprägt. Und auch die E-Bike-Förderung der schwedischen Regierung hat dazu geführt, dass ein Umdenken in puncto Mobilität stattfindet. Zuletzt ist der Verkauf elektrischer Fahrräder stark gestiegen, und vielfach werden E-Bikes und Co als vielversprechende Lösung für nachhaltige Mobilität gehandelt.

Diese und viele weitere Fortschritte bieten zusammen mit dem neuen Klimagesetz eine gute Grundlage dafür, dass Schweden eines Tages tatsächlich ein echtes Vorbild in Sachen Klima- und Umweltschutz werden könnte. Doch es liegt nicht nur bei der Regierung, sondern auch bei den Schwedinnen und Schweden selbst: Denn jeder entscheidet selbst, wie er oder sie konsumiert, wohin die nächste Reise geht und was auf den Tisch kommt.

Autorinnen: Linnéa Andersson & Miriam Ersch-Arnolds

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