Pulli statt Putin – wie NATURSTROM-Kollege Andreas sich mit Energiesparen unabhängiger macht

Am 5. März ist Weltenergiespartag. Dass ein Thema öffentliche Aufmerksamkeit bekommt, das allzu oft hinten runterfällt, freut NATURSTROM-Kollegen Andreas Schug. Seit vielen Jahren beobachtet er, wie beim Thema Einsparungen die Mundwinkel oft nach unten gehen und fragt sich: warum eigentlich?

Beim Energiesparen geht es voranging um mehr Unabhängigkeit, Geld in der Tasche und Klimaschutz. Aber ganz aktuell auch um die Frage, ob kollektive Sparsamkeit vielleicht sogar die Finanzierung des Krieg gegen die Ukraine begrenzen könnte. Letzteres ist natürlich eine gewagte These, aber dass fossil-atomare Strukturen zu einer Ansammlung von zu viel Macht und Geld in den Händen Weniger führen, war schon vor Putins Überfall auf die Ukraine kein Geheimnis. Wenn ich jeden Tag mit ansehen muss, wie brutal der Krieg ist, und mir dabei bewusst mache, dass die Deutschen das Morden durch fossile Energiezahlungen  – wenn auch ungewollt – mitfinanzieren, tut das weh! Je weniger Energie aus fossilen Quellen gekauft wird, desto weniger Macht haben die oftmals despotischen Regierungen der Herkunftsländer, andere Staaten mit der fossilen Abhängigkeit zu erpressen.  Viele Energieimportländer zappeln so wie ein Junkie, der nicht von der Nadel wegkommt, im Würgegriff von Putin & Co. Leider zählt Deutschland (noch) dazu. Eine Folge der Lobbypolitik in den vergangenen zehn Jahren, womit die bereits boomende Energiewende massiv ausgebremst wurde. Jetzt zahlen wir alle einen sehr hohen Preis.

Frei nach Kants kategorischem Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“ versuche ich mal, dieses bedrückende Thema auf der privaten Ebene etwas aufzuhellen. Denn bei Licht betrachtet ist jede nicht verbrauchte Kilowattstunde in der aktuellen Lage nicht nur eine Erleichterung für die Energierechnung, sondern auch ein kleines Votum gegen den Krieg. Denn dank des Einspeisevorrangs Erneuerbarer Energien verringert jede eingesparte Kilowattstunde Strom direkt die Nutzung fossiler und atomarer Energieträger.

Mein eigener Energieverbrauch ist extrem niedrig. Doch warum löst das Thema „Energiesparen“ so oft nervöse Zuckungen und Widerstände aus? Meine Freundin meinte zuletzt zu mir, als ich die Heizung runterdrehte „Du versuchst schon wieder die Welt zu retten? Du kannst anderen nicht vorschreiben, was sie zu tun haben.“ Stimmt, das kann ich zum Glück nicht. Und ich will es auch nicht. Aber weil ich in meiner eigenen Wohnung lebe, will ich dort nur so viel heizen, wie ich es tatsächlich brauche. Deshalb nervt es mich auch, mitten am Tag das Schlafzimmer zu heizen, weil sie dort Online-Unterricht gibt – der Anbieter in ihrer Wohnung hat es leider seit zwei Monaten verpeilt, das Glasfasernetz anzuschließen. In die wärmere Küche kann ich sie ja nicht verbannen, weil es dort zu eng und chaotisch für den Video-Call ist. Also schlucke ich die Kröte und versuche das am Rest des Tages irgendwie auszugleichen.

Nach Ansicht meiner Freundin bin ich „ein herumwandelnder Heizofen“, der selbst beim Arbeiten daheim „nie den Heizkörper anmacht“ (was nicht stimmt). Ein „normal“ ausgestatteter Mensch bekomme „in der ausgekühlten Wohnung sofort eine Frostköttel-Attacke.“ Tatsächlich ist nicht nur unser beider Wärmeempfinden verschieden, nach aktuellen Erkenntnissen gibt es tatsächlich Differenzen nach Alter und biologischem Geschlecht – ein Thema, das einen extra Artikel wert wäre.

Überhaupt kommt mir gemeinsames Energiesparen ungleich komplizierter vor als in „meinen“ vier Wänden. Kann da niemand vermitteln? Früher in meiner Herkunftsfamilie ging das einigermaßen, da haben meine Eltern ohnehin eine sparsame Haushaltsführung einfach vorgelebt.

Wenn andere sagen, ich hätte einen „Energiespar-Tick“, kann ich das nicht abstreiten. Allerdings empfinde ich den „Tick“ eher als Leidenschaft. Das hängt unter anderem mit Tschernobyl zusammen. Die ersten 13 Jahre nach dem Atomunfall 1986 gab es in Deutschland noch keine Möglichkeit, gezielt echten Ökostrom zu beziehen (heute unvorstellbar!). Also lag abseits der vielen Demos die einzige Chance, den Betrieb und Neubau von Atomkraftwerken zu verhindern, in der Eigenproduktion von Strom und im Sparen. Energie bewusst einzusetzen, gibt mir ein positives Gefühl von Unabhängigkeit und Selbstwirksamkeit. Das Leben wird entschlackt und ich konzentriere mich auf das Wesentliche – das was ich wirklich brauche. Die Wissenschaft sieht eine solche Suffizienz-Strategie als zentralen Baustein, um die Bedürfnisse der Menschen mit der Begrenztheit der Ressourcen auf der Erde in Einklang zu bringen. Nebenbei spare ich viel Geld, tue noch mehr für den Klimaschutz und weiß, dass die Energiewende viel schneller gelingen kann, wenn der Energiebedarf reduziert wird.

Und das Ergebnis? Als Ein-Personen-Haushalt brauche ich nur rund 400 Kilowattstunden (kWh) Strom pro Jahr, mit Arbeiten zu Hause während Corona rund 500 kWh. Das ist maximal ein Drittel des Bundesdurchschnitts von 1500 kWh Strom. Ähnlich ist es beim Gas fürs Heizen, inklusive Warmwasser und Kochen, mit 1.200 bis 1.800 kWh auf 60 Quadratmetern. Im Durchschnitt wären es mindestens 6.000 kWh, also 100 kWh pro Quadratmeter und Jahr. Mein Wärmebedarf liegt im 114 Jahre alten Mehrfamilien-Altbau aber bei maximal 30 kWh pro Jahr und damit unter dem Wert eines Niedrigenergie-Hauses nach KFW55-Standard. Nebenbei sind das locker 600 Euro Ersparnis im Jahr, und die steigenden Energiepreise sind leicht zu verkraften. Trotz der Mini-Verbräuche habe ich nirgendwo ein Gefühl von Komfortverlust. Im Gegenteil, alle Geräte laufen so wie ich sie brauche: Fernseher, Radio, 2,5 Computer, Router, Toaster, Kühlschrank, Grillofen (selten), Waschmaschine, Wasserkocher, Keyboard, Mixer, Staubsauger, Lampen, Schredder usw. Bin ich ein Alien und weiß nur nichts davon?

Ok, der geringe Verbrauch kam nicht von heute auf morgen zustande. Das Haupttool ist eine etwa 14-tägige händische Verbrauchsstatistik, kombiniert mit Nachdenken. Das reicht für einen Vergleich der Verbräuche, etwa nach dem Ersatz oder Nutzungsänderungen von Geräten. Beim Strom war ein neuer Kühlschrank fällig, ein Trockner ist tabu und der Router ist nachts aus. Ansonsten benutze ich alles simpel nach Bedarf, zum Beispiel den Wasserkocher wirklich mit dem halben Liter für die große Teetasse. Der Grillofen ist für kurze, kleine Backaktionen da, und für den Rest gibt es den Gasherd.

Beim Heizen hilft sicher die Mittellage im Mehrfamilienhaus, aber vor allem eine persönliche Wohlfühltemperatur von 17 bis 18 Grad. Das mollige Trio machts möglich: Warme Socken oder Hausschuhe, warme Unterwäsche und ein „Pulli statt Putin“. Dazu genug Bewegung oder manchmal ein Moment auf dem Balkon zum Frischluft-Schnappen – sofort ist es drinnen wieder gefühlt superwarm. Nebenbei freut sich der Kreislauf, die Luft ist nicht so trocken und sogar heizungsbedingte Hautrötungen im Winter sind Geschichte. Die Gastherme ist drei bis vier Mal am Tag an, dort wo sie gebraucht wird. Dann stelle ich sie wieder in den „Sommerbetrieb“. Zweimal kurzes, kräftiges Querlüften am Tag tauscht die Luft komplett aus, während Wände und Einrichtung warm bleiben. Den größten Effekt erreiche ich vielleicht beim Warmwasser, weil ich es bewusst nur bei Bedarf zapfe. Der Wasserhahn steht normal auf kalt, obwohl das Design zur lauwarmen Position in der Mitte verleitet.

Es klingt verrückt und ich kann es oft nicht glauben. Aber viel mehr ist nicht nötig, um den Verbrauch 60 bis 70 Prozent unter dem Durchschnitt zu halten. Aus meiner persönlichen aktuellen Warte sind dies Einsparpotenziale ohne Komfortverlust. Für viele andere wohl nicht, weil es zu viel Aufwand ist, zu kühl im Winter oder weil es sich für sie eng anfühlt. Ich frage mich, ob es irgendwo einen „gesunden Mittelweg“ zwischenmeinen Mini-Verbräuchen und dem gewöhnten Durchschnitt gibt. Wäre es vielleicht möglich, den Energieverbrauch bei gleichzeitigen Anstrengungen in der Wirtschaft innerhalb von wenigen Monaten um zehn Prozent und innerhalb von wenigen Jahren um ein Drittel zu senken?

Das Umweltbundesamt hat in einem Forschungsprojekt untersuchen lassen, wie Energieverbräuche durch Verhaltensänderungen umsetzbar sind. In ihrem  Abschlussbericht kamen die Wissenschaftler:innen zu dem Ergebnis, „dass Suffizienz-Maßnahmen einen wichtigen Beitrag zur absoluten Reduktion des Energieverbrauchs und zum Erreichen der Klimaschutzziele leisten.“ Doch: Die Hemmschwelle vom Wissen zum Handeln ist ausgesprochen hoch. Um das Potenzial zu heben, müsse die Suffizienz-Strategie „systematischer als bisher in die Energiepolitik integriert werden“ – die Suffizienz muss also ihr Nischendasein beenden. Das gilt nicht nur für die Klimakrise, sondern auch für die globale Rohstoffknappheit.

Manchmal habe ich das Gefühl, ich müsse mich für die Sparsamkeit rechtfertigen. Aber nein, ich fühle mich pudelwohl, mir fehlt nichts und ich freue mich täglich, wie gut es mir hier im reichen Deutschland geht. Möglicherweise haben Erfahrungen wie eine mehrmonatige Indien-Reise und das Leben in einem Projekt ohne Stromanschluss in Studienzeiten dazu beigetragen, sich stärker über die eigenen Privilegien bewusst und somit glücklich über meinen täglichen Luxus zu sein.

Und vielleicht verhilft jetzt die Augenzeugenschaft des Leids via Echtzeitberichterstattung in der so nahe gelegenen Ukraine, zu wissen, wie gut es uns hier geht. Aus diesem Blickwinkel könnte der sparsame und bewusste Umgang mit Energie ein Akt der Solidarität mit den Ukrainer:innen sein und es erleichtern, eingefahrene Alltagsroutinen zu ändern.

Ich hege da eine Vision: Würden viele „kleine“ Menschen zusammen viele kleine Einspar-Schritte tun, wären das Abermillionen Kilowattstunden weniger. Wenn die Bundesregierung zusätzlich eine „Energiesparoffensive“ starten würde, um die Wirkung bis zu einem Boykott von russischen Energielieferungen zu verstärken, würde dem Aggressor die finanzielle Basis entzogen. Dann wären plötzlich Putin und seine übrigen Getreuen die Abhängigen.

Putin mit „Pullis“ komplett wegzusparen, erscheint sehr ambitioniert. Aber einen merklichen Teil der Importe aus Russland zu drosseln und den Rest zu ersetzen – das wäre eine feine Sache! Denn gemeinsames Energiesparen wirkt gleich auf mehreren Ebenen heilsam. Erstens handeln die Menschen zusammen, um diesen Angriffskrieg zu bremsen. Zweitens wird die Regierung befähigt, entschlossene Sanktionen umzusetzen und die Ukraine auf verschiedenen Wegen besser zu unterstützen. Drittens beruhigen sich die Energiepreise, weil die weniger Bedarf den Nachfragedruck lindert. Viertens sparen alle, die mitmachen, Geld, was vor allem Menschen mit wenig Einkommen hilft. Fünftens wird das Klima mit schneller Wirkung entlastet. Sechstens beschleunigen wir so die Energiewende, da wir mit den bestehenden Erneuerbaren größere Anteile des Energiebedarfs decken können. Und siebtens entstehen mit dem investierten Geld Tausende zukunftsfähige Arbeitsplätze, zum Beispiel in der Produktentwicklung, bei Energieeffizienzberatungen und für die Gebäudesanierung.

Andreas Schug

Andreas Schug arbeitet seit 2019 im Berliner NATURSTROM-Vertriebsteam und begeistert unter anderem Clubs und Veranstalter:innen von nachhaltiger Energie. Davor schrieb er schon als Journalist für das Solar-Fachmagazin „Photon“, organisierte in Hessen die Gründung einer Energiegenossenschaft und ist umweltpolitisch aktiv beim BUND.

NATURSTROM Team
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Unter diesem Profil schreiben NATURSTROM-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter, die nicht zu den regelmäßigen Blog-Autoren gehören.

1 Kommentar
  • Pingback:15 einfache Tipps – Was jeder im Alltag gegen die Klimakrise tun kann! – Green Positive
    Gepostet um 06:51h, 25 Juli Antworten

    […] Es gibt inzwischen keinen nennenswerten Grund seine Strom nicht aus nachhaltiger Produktion zu beziehen. Die Kosten sind vergleichbar mit denen aus fossilen Brennstoffen hergestelltem Stroms und jede nachhaltig produzierte Kilowattstunde Strom fördert die Unabhängigkeit von Deutschland in der Energieversorgung. Durch den gesetzlich festgelegten Einspeisevorrangs erneuerbarer Energien in den zur Verfügung stehenden Strompool verringert jede nachhaltig abgefragte oder jede eingesparte Kilowattstunde „direkt die Nutzung fossiler und atomarer Energieträger.“ (Siehe Blog-Beitrag von Andreas Schug von Naturstrom) […]

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