„Klimaschutz ist, woran sich alles misst“

Anja und Marius Pötting sind wahre Tausendsassas in Sachen Nachhaltigkeit. Gemeinsam mit ihren vier Kindern betreibt das Ehepaar mit dem Vauß-Hof nahe Paderborn ein Musterbeispiel für rundum ökologische Landwirtschaft und Energiewende-Engagement. Dafür wurde Vater Marius von der Jury des CeresAwards 2020 zum Energielandwirt des Jahres gekürt.

„Das Thema Energie ist auf dem Vauß-Hof schon immer eine große Sache, es ist quasi Grundlage aller nachhaltigen Überlegungen. Häufig läuft es aber so nebenbei und rückt gar nicht so stark in den Fokus“, berichtet Anja Pötting. Sie kümmert sich auf dem Hof, der schon seit Jahrhunderten im Familienbesitz ist, um das Organisatorische, dank ihr läuft hinter den Kulissen alles rund. Die Bewerbung zum Energielandwirt schickte sie an einem Sonntagabend ab – fünf Minuten vor Bewerbungsschluss.

Nachhaltigkeit ist Familie Pötting sehr wichtig © Vauß-Hof

Der Startschuss für das Thema Erneuerbare Energien fiel auf dem Vauß-Hof vor über 20 Jahren mit dem Bau der ersten Photovoltaik-Dachanlage. Heute produzieren mehrere Anlagen klimafreundlichen Solarstrom. Auch die Wärmeversorgung der Familie fußt dank mehrerer Solarthermie-Paneele auf der Kraft der Sonne. „Wir sind dabei, schrittweise alle Hofbereiche auf die Nutzung regenerativer Energien umstellen. Angefangen, bei den Bereichen mit dem höchsten Energieverbrauch. Das ist bei uns die Heizung, dann kommt der allgemeine Stromverbrauch und das Thema Mobilität. In diesen Bereichen sind wir schon einen guten Schritt weit gekommen“, erläutert Marius.

Auf die nachhaltige Wärmeversorgung des Hofs ist der gelernte Zimmerer und Diplom-Agraringenieur besonders stolz – und das zu Recht: „Unser Heizungssystem ist in dieser Form ziemlich einzigartig, da wir unsere Hackschnitzelheizung ausschließlich mit Hackschnitzeln aus permanent nachwachsenden Kopfweiden füttern. Nebenbei betreiben wir beim Schneiteln der Kopfweiden so auch Kulturlandschaftspflege. Und unser Biomeiler, mit dem wir in einem Gewächshaus eine Fußbodenheizung betreiben, ist wohl auch nicht so alltäglich. Aber alles in allem macht uns das Gesamtkonzept besonders stolz.“

Anja Pötting vor dem Biomeiler © Vauß-Hof

So beeindruckend die rundum ökologische Energiegewinnung auf dem Vauß-Hof auch ist – als klassische Energielandwirtschaft würde Anja ihren Betrieb dennoch nicht bezeichnen: „Bei uns steht hinter der Energielandwirtschaft eher eine komplette Hof-Philosophie und ein besonderer Lebensentwurf. Da sind wir wohl eher die Speziellen unter den Energielandwirt:innen.“ Erneuerbare Energien gehören bei den Pöttings zwar fest dazu, sind aber Mittel zum Zweck. Und der lautet: mehr Nachhaltigkeit. „Bei jeder Entscheidung ist die Nachhaltigkeit ein großes Thema. Wir essen wenig Fleisch und fast ausschließlich heimisches saisonales Obst und Gemüse. Wir fahren die meisten Wege mit dem Fahrrad oder elektrisch. Wir nutzen gebrauchte Baustoffe und auch bei Kleidung und Geräten ist der Großteil Second Hand“, beschreibt Anja. „Im Grunde ist der Klimaschutz das, woran sich auf unserem Hof alles misst“, fasst Marius zusammen.

Der Eingang zum Hofladen © Vauß-Hof

2020 war die Landwirtschaft für rund 9 Prozent der Treibhausgas-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Laut dem Umweltbundesamt stammen ca. 63 Prozent der gesamten Methan- und sogar 81 Prozent der Lachgas-Emissionen aus der Landwirtschaft. Gleichzeitig ist sie es, die mit am stärksten von den schon heute spürbaren Auswirkungen der Klimakatastrophe betroffen ist: „In der Landwirtschaft ist die Klimakrise mehr als deutlich. Wir erleben extreme Wetterlagen, sowohl Trockenperioden als auch Überschwemmungen“, berichtet Marius von den Erfahrungen der letzten Jahre.  Diesen neuen Gegebenheiten passt sich der Vauß-Hof sukzessive an. „Wir tüfteln an Wasserspeichersystemen und Drainage, und schauen bei der Sortenauswahl von Obst und Gemüse sowie beim Pflanzen von Bäumen, welche Sorten diesen Extremen gewachsen sind“, erzählt Anja.

Seit 2020 setzt Familie Pötting für viele Strecken auf ihr E-Lastenrad, ein zweites ist schon bestellt. Die anfängliche Sorge, das Gefährt sei zu ungewohnt und würde nur rumstehen und ungenutzt bleiben, hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil, so Marius: „Ich hätte das anfangs nie gedacht, ich war in Sachen Lastenrad erst der Skeptiker. Aber es ist selbst für uns hier auf dem Land eine tolle Sache und wir sind sehr froh über diese Investition.“ Das bestätigt auch seine Frau: „Das Rad ist leichtgängig und macht Spaß, das ist auch ein wichtiger Faktor. Und außerdem lassen sich viele Dinge transportieren, von den Kindern, über Einkäufe bis hin zu Gemüse, Baumaterialien und Werkzeug.“

Genau wie bei allem anderen rund um das Thema Nachhaltigkeit, geht Familie Pötting auch bei klimafreundlicher Mobilität mit gutem Vorbild voran – und das wirkt. „Die Leute schauen schon, wenn wir angebraust kommen, vor allem auch wenn wir mit Lastenrad und unserem Anhänger unterwegs sind. Und alle wollen gerne mal Probe fahren“, verrät Anja mit einem Augenzwinkern.

Nachhaltige Mobilität auf dem Vauß-Hof © Vauß-Hof

Mit ihrem rundum nachhaltigen Engagement möchte die Familie auch andere dazu inspirieren, ökologischer zu denken und zu handeln. Dafür haben sie verschiedene Bildungsangebote aufgelegt, die Anja als Natur-Erlebnispädagogin verantwortet. 2019 hat das Paar dafür den gemeinnützigen Verein Vauß-Hof e.V. gegründet. „Wir machen seit 2010 auf unserem Hof Bildungsarbeit, vor allem mit Kindern und Jugendlichen. Das ist uns ein Anliegen, weil wir merken, wie wichtig es ist, den Kindern einen Bezug zur Landwirtschaft zu ermöglichen. Verantwortungsvolle:r Konsument:in und Klimaschützer:in wird man vor allem durch eigene Erfahrungen und Erlebnisse. Und wir sind in der glücklichen Lage, das bieten zu können.“ Doch nicht nur Kindern zeigt die Familie, was es heißt, einen ökologischen Landwirtschaftsbetrieb zu führen. Auch für die Großen plant Anja derzeit ein umfassendes Bildungsangebot. Und das soll weit über das Thema Landwirtschaft hinausgehen: „Im Laufe der Jahre hatten wir auch immer wieder Anfragen von Gruppen aus der Erwachsenenbildung. Jetzt ist die Idee, Seminare selbst anzubieten. Dabei geht es nicht nur um Bildung für nachhaltige Entwicklung, auch Kreatives und Kulinarisches steht mit im Programm. Durch Corona wurde der Start jetzt verzögert, aber wir hoffen im Herbst ganz langsam starten zu können“, erzählt Anja.

Ehepaar Pötting und ihre Kühe © Vauß-Hof

Auf Social Media berichtet die Familie regelmäßig vom Hofleben und allem Drum und Dran. Vor allem Anja hat großen Spaß daran, über das Leben auf dem Land zu berichten. „Im Laufe der Zeit habe ich gemerkt, wie viele Anfragen, Buchungen und Co. über die sozialen Medien kommen. Jetzt macht das tatsächlich einen Großteil unserer Öffentlichkeitsarbeit aus“, erzählt Anja, die sowohl den Hof-Blog als auch einen eigenen Instagram-Account mit Leben füllt: „Es macht mir einfach Spaß, gerade Instagram ist total mein Format. Ich mag es die Leute mitzunehmen auf unserem Hof und in unseren Alltag. Ich bin da nicht so profimäßig unterwegs. Es gibt hier eher ungeschminkten Hof-Content.“ Und genau der kommt an: Über 2.000 Interessierte folgen ihr allein auf Instagram.

Übrigens: Der Name Vauß-Hof leitet sich aus der Vergangenheit des Hofs ab – und der der Familie. „Die Hofstelle ist schon sehr alt und gehörte früher zum Besitz des Kloster Abdinghof. Wir liegen hier auch direkt neben der Kirche und unsere Vor-Vorfahren hatten das Amt des Vogtes inne, das heißt sie haben für den Bischof das Geld eingetrieben. Aus Vogt, wurde dann irgendwie Vauß. Mit dem Amt hat es sich irgendwann erledigt, der Name ist geblieben“, klärt Marius auf.

Heute ist der Vauß-Hof mehr als ein ökologischer Landwirtschaftsbetrieb. Ob offline oder online, das Wirken von Marius und Anja Pötting ist vor allem eins: Vorbild und Mutmacher für ein rundum nachhaltiges Leben.

Dominique Czech
dominique.czech@naturstrom.de

ist seit April 2018 dabei und schreibt für NATURSTROM über alles rund um die Energiewende. Jenseits des Büros bewegen sie die Themen Ernährung, Konsum und Mobilität – aber bitte in nachhaltig.

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