Nächster Halt: Mobilitätswende

Vergesst den DeLorean. Das Gefährt, mit dem es wirklich (zurück) in die Zukunft geht, hat zwei Räder und ‘ne Klingel. Ob ganz klassisch, mit elektrischer Unterstützung und/oder Transportkiste: Das Fahrrad ist ein wichtiger Baustein der Verkehrswende. Das sagen nicht nur wir, sondern auch der Bundesverband Zukunft Fahrrad, dem wir kürzlich mit unserer Mobilitätstochter Green Moves beigetreten sind.

Der Verband vertritt seit 2019 Unternehmen aller Bereiche der Fahrradwirtschaft. Sie eint ein gemeinsames Ziel: die nachhaltige Mobilitätswende. Schwerpunkt dabei ist der Bereich der Dienstleistungen. So will Zukunft Fahrrad gerade den vielen neu erwachsenden Geschäftsmodellen rund ums Fahrrad eine Möglichkeit zum Austausch und politische Vertretung bieten. Wasilis von Rauch ist Zukunft Fahrrad-Geschäftsführer und auch privat leidenschaftlicher Fahrradfahrer. Wir sprachen mit ihm über den Status quo der Verkehrswende in Deutschland, die Vorteile des Fahrrads und sein persönliches Mobilitätsverhalten.

Lieber Wasilis, bitte beschreibe die Situation auf Deutschlands Straßen in drei Worten.

Leider meistens: klimaschädlich, ungerecht, autozentriert.

Welche Rolle spielt hier das Fahrrad? Welche Chancen bietet es sowohl für Nutzer:innen als auch für Deutschlands Kommunen und den Klimaschutz?

Das Fahrrad ist das flächen- und energieeffizienteste sowie flexibelste Verkehrsmittel, was uns zur Verfügung steht. Es ist ein Teil des Individualverkehrs und fährt unabhängig von Fahrplänen und Schienen, es bedeutet für viele Freude, Leichtigkeit und Unabhängigkeit. Es bringt die Menschen buchstäblich von Tür zu Tür und das alles ohne Stau und Parkplatzsuche. Wer Straßen entlasten und lebenswerter gestalten möchte, muss dem Radverkehr mehr Platz einräumen. Und wenn Deutschland seine eigens vereinbarten Klimaziele einhalten möchte, sind signifikante Veränderungen im Verkehrssektor nötig. Die Elektrifizierung der deutschen Autoflotte sowie der Ausbau von ÖPNV und Schiene dauern allerdings viele Jahre und sind ungleich teurer und komplexer.

Wasilis von Rauch, Geschäftsführer des Bundesverbands Zukunft Fahrrad. (Foto: BVZF)

Fahrrad, E-Bike und E-Cargobike können dagegen schnell als komfortable Alternative für Kurz- und auch Mittelstrecken etabliert werden. Auch als Zubringer und Feinverteiler des öffentlichen Verkehrs ist der Radverkehr unverzichtbar. Von mehr Radverkehr profitiert der Einzelne und die Gesellschaft als Ganzes. Allein der volkswirtschaftliche Nutzen pro geradeltem Kilometer beträgt 30 Cent. Zudem beherbergt die Fahrradbranche zahlreiche inhabergeführte, mittelständische Unternehmen wie spezialisierte Fahrrad- und Fahrradkomponentenhersteller, Händler und erfolgreiche Dienstleister. Viele Unternehmen der Fahrradbranche sind große Arbeitgeber in ihrer Region und wahre Jobmotoren. Sie bieten eine Vielfalt an Arbeitsplätzen für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten.

Warum braucht es den Bundesverband Zukunft Fahrrad?

Der Mobilitätssektor, allen voran der Automobilsektor, ist im Bereich Interessenvertretung sehr gut aufgestellt und macht bei der politischen Verteilung von Ressourcen und Flächen schon lange seinen starken Einfluss geltend. Die Fahrradwirtschaft hatte hier ihr Potenzial, trotz des gesellschaftlichen Rückenwinds durch große Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Gesundheit, noch nicht ausgeschöpft. Zudem hat es im Bereich der Dienstleistungen im Fahrradsektor in den letzten zehn Jahren ein enormes Wachstum gegeben. Unternehmen für Dienstradleasing, Sharing, Abo-Modelle, Digitalisierung und spezialisierte Versicherungen konnten in den bereits bestehenden Verbänden keine politische Vertretung finden. So wurde von engagierten Köpfen der Fahrradwirtschaft kurzerhand Zukunft Fahrrad ins Leben gerufen. Dank des engen Austauschs mit unseren Mitgliedern wissen wir, welche Änderungen der politischen Rahmenbedingungen notwendig sind, damit das Fahrrad und damit die Fahrradwirtschaft florieren können.

Wir verstehen uns zudem als starke Vernetzer innerhalb der gesamten Mobilitätsbranche. Wir sehen Mobilität als System und stehen deshalb nicht nur mit den politischen Entscheider:innen im Austausch, sondern auch mit den anderen Verbänden und Unternehmen des nachhaltigen Mobilitätssektors sowie mit wissenschaftlichen Instituten und Think Tanks.

Welche Fortschritte hast Du in den letzten drei Jahren seit der Gründung des Verbands beobachtet?

Die Existenz unseres Verbands fällt fast vollständig in die Zeit der Corona-Pandemie. Diese hat ab Frühjahr 2020 dem Fahrrad einen enormen Schub nach vorne ermöglicht. Menschen haben sich vermehrt dem Individualverkehr, und somit auch dem Fahrrad, zugewandt. Über viele Monaten war der Verkehr auf deutschen Straßen deutlich verringert und dadurch weniger stressig und gefährlich für Radfahrer:innen. In Großstädten haben einige (Bezirks-)Bürgermeister:innen auf das gestiegene Fahrradaufkommen und den Wunsch nach gesunder Mobilität sofort reagiert und Pop-up-Fahrradspuren eingerichtet, die in Folge sogar noch mehr Radler:innen anzogen. Einige dieser temporären Spuren wurden mittlerweile verstetigt. Die erst kürzlich veröffentlichten Zahlen zum Fahrradmarkt 2021 zeigen, dass das Interesse am Fahrrad auch keine Eintagsfliege war, sondern die Menschen beim Radeln geblieben sind. Auch die Zahlen beim Dienstradleasing, Sharing und Abo sprechen für sich – die Menschen möchten immer mehr Fahrrad fahren.

 So gibt es zwar noch wahnsinnig viel zu tun, aber das Fahrrad erkämpft sich langsam, aber sicher seinen Platz als vollwertiges Verkehrsmittel in der politischen Diskussion und die dazugehörige Zuteilung von Platz und (finanziellen) Ressourcen. Auch die gesellschaftliche Debatte entwickelt sich weiterhin positiv pro Fahrrad mit mittlerweile über 50 Radentscheiden und über eine Million Unterschriften in ganz Deutschland.

Zukunft Fahrrad formuliert auf seiner Website einige Forderungen an die Politik. Welche sind die dringendsten und warum?

Grundlage für alles ist eine sichere und flächendeckende Fahrradinfrastruktur. Hemmschuh dafür sind das aktuelle Straßenverkehrsgesetz und die Straßenverkehrsordnung. Im Koalitionsvertrag ist eine Reform bereits angelegt. Wir erwarten von der Politik, dass sie diese Reform zeitnah und mutig durchführt und den klimafreundlichen Verkehrsmitteln den Platz und die Privilegien einräumt, die ihnen zustehen. Zudem arbeiten wir gerade an der Aufnahme des Dienstradleasings per Gehaltsumwandlung ins Einkommensteuergesetz. Mit nun etwa einer Million Diensträdern auf deutschen Straßen ist dies nur folgerichtig. Gerade im Bereich betriebliche Mobilität sehen wir noch viel Luft nach oben und wünschen uns eine breite und einfache Einführung eines Mobilitätsbudgets für Beschäftigte, damit diese die Wahlfreiheit haben, sich so klimafreundlich wie möglich fortzubewegen. Weiterhin halten wir an der bestehenden Förderung für gewerbliche Lastenfahrräder fest und plädieren zudem für eine Ausweitung auf andere Gewerbe und auch private Nutzung.

Pedelec oder klassisch – was fährst Du?

Beides. Das E-Cargobike benutzte ich hauptsächlich für Transportzwecke, mit dem Faltrad und dem Regionalzug pendle ich ins Büro. Mit dem City-Rad bewege ich mich durch die Stadt. Es gibt für jede Anwendung das passende Fahrrad und selbst meine drei Räder benötigen insgesamt immer noch weit weniger Platz als ein einziges Auto.

 

Vielen Dank für Deine Zeit sowie Deine Einschätzungen, Wasilis.

Dominique Czech
dominique.czech@naturstrom.de

ist seit April 2018 dabei und schreibt für NATURSTROM über alles rund um die Energiewende. Jenseits des Büros bewegen sie die Themen Ernährung, Konsum und Mobilität – aber bitte in nachhaltig.

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