Nachhaltige Mobilität: Revolution oder Evolution? |  NATURSTROM Blog
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Laura Friedrichs, Dr. Roman Suthold, Lerke Tyra,

Nachhaltige Mobilität: Revolution oder Evolution?

CO2-Emissionen, Feinstaub, Stickoxid, Staus und Lärm: Auf den deutschen Straßen spitzt sich die Lage zu. Steht die Verkehrswende unmittelbar bevor? Vertreter des ADAC und ADFC haben bei NATURSTROM mit Interessierten darüber diskutiert, wie eine nachhaltige Mobilität aussehen könnte. Und welche Fahrzeuge zukünftig im Mittelpunkt der Stadtplanung stehen sollten.

Fast ein Fünftel der Treibhausgas-Emissionen entstehen in Deutschland im Verkehrssektor – und tragen so einen erheblichen Teil zum Klimawandel bei. Bei den Stickoxidemissionen lassen sich sogar 38 Prozent direkt auf den Verkehr zurückverfolgen. Sie haben gesundheitliche Folgen – und könnten nun auch rechtliche haben: Gegen 17 deutsche Städte laufen Klagen, da sie gegen festgelegte EU-Grenzwerte verstoßen und ihre Luft nicht sauber genug halten. Verlieren sie diese Klagen, könnte das zu Fahrverboten führen.

Doch bisher ist Deutschland nach wie vor Autoland: Mehr als drei Viertel der Haushalte besitzen mindestens ein Auto, der Trend geht weiter zum Zweitwagen. Allein vergangenes Jahr wurden 3,4 Millionen PKW neu zugelassen – 5,5 Prozent mehr als 2015. Fahrzeuge mit Elektro- und Hybridantrieb kommen dabei zusammen auf lediglich zwei Prozent, der Anteil von Elektrofahrzeugen ist zuletzt sogar wieder gesunken. Bei einem Diskussionsabend in der NATURSTROM-Zentrale unter dem Motto „Bikes vs. Cars? Mobilitätslösungen für die Zukunft“ in Kooperation mit dem ADFC Düsseldorf e.V., und dem Referat für Politische Bildung AStA HSD diskutieren Dr. Roman Suthold vom ADAC Nordrhein und Lerke Tyra vom ADFC Düsseldorf über die derzeitige Verkehrslage in Deutschland, was sich ändern kann, soll und muss.

Wer steht im Mittelpunkt der Planung – der Mensch oder das Auto?

Diskussion bei NATURSTROM züber nachhaltige Mobilität

Laura Friedrichs von NATURSTROM im Gespräch mit Dr. Roman Suthold und Lerke Tyra (v.l.)

„Wir haben in Deutschland kleinere Probleme als wir denken“, findet Dr. Roman Suthold, Leiter Verkehr und Umwelt des ADAC Nordrhein, mit Blick auf die weltweite Verkehrssituation. Sicher, die Lage ist in Ländern wie den USA oder Brasilien angespannter als bei uns – das verdeutlicht beispielsweise der Film Bikes vs. Cars anschaulich. Doch auch hierzulande sind die Emissionswerte hoch, die Platzprobleme in den Städten groß und die Staus lang. 1,3 Millionen Kilometer waren die Staus in 2016 insgesamt lang und damit nochmal rund 20 Prozent länger als 2015.

„Die Frage ist doch: In was für einer Stadt wollen wir leben?“, eröffnet Lerke Tyra, die stellvertretende Vorsitzende des ADFC-Düsseldorf ihr Plädoyer. In Anlehnung an den Film „The Human Scale“ findet sie, dass der Mensch im Mittelpunkt der Stadtplanung stehen sollte – und nicht das Auto. „Das Leitbild der autogerechten Stadt ist nicht mehr aktuell“, gibt ihr Sudhold Recht, „wir müssen über eine Neugestaltung der Räume diskutieren.“ Und Suthold geht sogar noch einen Schritt weiter: „Das Fahrrad ist das einzige Verkehrsmittel, das noch Wachstumspotential hat.“

Autos und Fahrräder konkurrieren um die Flächen in den Städten

Diskussionsrunde: nachhaltige Mobilität und die Möglichkeiten des Fahrrads bei NATURSTROM

Wie eine Verkehrswende vor Ort aussehen könnte – darüber diskutieren interessierte Zuhörerinnen und Zuhörer hier bei NATURSTROM

Der ADAC, Anwalt der Deutschen Autofahrerinnen und –fahrer, gleichmütig vereint mit den Anhängern des Fahrrads? Nicht ganz. Suthold berichtet zwar begeistert von all den Fahrrad-Aktionen, die der Verein dieses Jahr organisiert. Aber als es konkret um die Flächenkonkurrenz in den Großstädten geht, will Suthold nur über Nebenstraßen reden. „Wir müssen darüber reden, aber nicht bei den Hauptverkehrswegen, da würde eine Umverteilung zu viel Leistung wegnehmen – und nur zu noch mehr Stau führen, der wiederum der Umwelt schadet“, sagt er. Der ADAC Nordrhein sieht das Potenzial eher bei den Nebenstraßen, die zu Fahrradstraßen umfunktioniert werden könnten. Tyra vom ADFC Düsseldorf hält dagegen: „Wir lösen die Probleme nicht, wenn wir Fahrrädern nur den Platz geben, den Autos nicht brauchen.“ Immerhin: Auf die gesamte Republik gesehen ist der ruhende Faktor durchaus eine große Stellschraube. Denn private PKW stehen durchschnittlich 23 Stunden pro Tag ungenutzt herum.

Tyra will noch ein paar Schritte weitergehen: „Wir müssen Autofahren unattraktiver machen. Wir müssen die Verkehrswege umbauen – und wir müssen jetzt damit anfangen.“ Dabei geht es ihr um das Machtverhältnis von Mensch und Maschine, aber auch um mehr kreative Ideen. Eine Überholspur für Pendler, eine sogenannte Fast Lane, die mehr als eine Person transportieren zum Beispiel. Oder Sektorenmodelle wie in Holland, wo Autos um die Innenstädte herum fahren müssen, Fahrradfahrer jedoch direkt ins Zentrum gelangen.

Zukunftsmodell Sharingsysteme

Suthold hingegen möchte lieber alle Verkehrsmittel gleich attraktiv machen und den Mensch frei wählen lassen. Er möchte Quartiersgaragen und Mobilitätshubs etablieren, die eine Auswahl aller Verkehrsmittel bereithalten. Dazu zählt er auch Sharingangebote – wie Donk-EE, Europas größtes Lastenrad-Sharingsystem, das NATURSTROM Ende Juni in Köln vorgestellt hat. „Das Potenzial solcher Angebote ist auf jeden Fall da“, sagt er, „nur die Relevanz noch nicht“. Denn bisher sind die Nutzungszahlen im Vergleich zum individuellen PKW-Verkehr verschwindend gering.

An diesem Abend plädieren die Vertreterin des ADFC und der Vertreter des ADAC beide für nachhaltige Mobilität, für eine Verkehrswende. Der ADAC sei eben eher für eine Evolution statt eine Revolution zu haben, sagt Sudhold schmunzelnd. Einig sind sich auf jeden Fall darin, dass mehr Fahrradfahrer auf den Straßen auch zu einer fahrradgerechteren Stadt führen. „Fahrt Fahrrad – allein und zusammen mit der Critical Mass“, appelliert Lerke Tyra ans Publikum.

Am Ende des Abends fahren viele der Zuschauerinnen und Zuschauer mit dem Fahrrad nach Hause – auf ruhigen, fast leeren Straßen. Das liegt mehr an der Uhrzeit als an der Fahrradfreundlichkeit Düsseldorfs. Aber eine Diskussion wie diese gibt Hoffnung, dass sich sagen lässt: Noch. Noch liegt es nicht (nur) an der Fahrradfreundlichkeit der Stadt.

Finja Seroka
Finja Seroka
seroka@naturstrom.de

arbeitet seit Juni 2016 im Presseteam von NATURSTROM. Begeistert sich beruflich und auch privat für nachhaltige Themen. Zuvor hat sie u.a. als Journalistin für Handelsblatt Online und die Funke Mediengruppe gearbeitet. E-Mail

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