#wirspielennichtmit – Was bedeutet der Deal zwischen RWE und E.ON für den Klimaschutz?

Die Energiekonzerne RWE und E.ON machen durch einen gegenseitigen Tausch von Geschäftsbereichen gemeinsame Sache, den Wettbewerb untereinander haben sie damit eingestellt. E.ON überlässt RWE seinen Kraftwerkspark, dafür konzentriert sich E.ON auf das Netz- und Endkund*innengeschäft. Die EU-Kommission hat dieses milliardenschwere Tauschgeschäft mit nur geringen Auflagen genehmigt – aus unserer Sicht zu gering, weshalb wir auch gegen diese Freigabe klagen. Über den Megadeal haben wir bereits berichtet. Seit November 2020 mobilisiert die Initiative #wirspielennichtmit Mitstreiter*innen und macht auf den Deal und seine Auswirkungen aufmerksam. Schon über 67.000 Unterzeichner*innen der zugehörigen Petition auf Campact zeigen: Einen fairen Energiemarkt ohne Monopole wünschen sich viele. Was bedeutet der Deal zwischen RWE und E.ON aber eigentlich für den Klimaschutz? Im Blogbeitrag skizzieren wir, wieso Energieriesen wie RWE und echter Klimaschutz – historisch und gegenwärtig – nicht zusammenpassen.

Klimaschutz ist eine drängende Mammutaufgabe für die Weltgemeinschaft und die Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Im European Green Deal hat die EU festgelegt, dass Europa bis 2050 klimaneutral sein soll. Auch Joe Bidens Klimagipfel in den USA gab dem Thema einen neuen Schwung. Wie sieht es in Deutschland aus? Zumindest im Stromsektor geht es voran, Erneuerbare Energien lieferten 2020 mehr als die Hälfte des produzierten Stroms. Doch es gibt auch Trends, die nicht so positiv verlaufen, beispielsweise der Monopolisierungstrend auf dem Strommarkt. Der Deal zwischen RWE und E.ON gefährdet Klimaschutzbemühungen, denn der Kohlekonzern RWE wird dadurch mächtiger – und scheint sich außerdem für Klimaschutz nicht (wirklich) zu interessieren.

„Ein Blick auf diese beiden Konzerne und ihre Vergangenheit zeigt doch auf, dass sie sich für dieses Thema noch nie wirklich interessiert haben. Sie versuchen, ihre fossilen Kraftwerke so lang als möglich im Betrieb zu halten, weil sie damit Geld verdienen können“, unterstreicht NATURSTROM-Vorstandschef Dr. Thomas E. Banning, Hauptinitiator der Initiative #wirspielennichtmit.

Neue RWE?

Laut einer Analyse des Climate Accountability Institute sind 20 Konzerne – die sogenannten Carbon Major – immer noch verantwortlich für 35 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen. Seit 1965 ist dieser Wert unverändert.

RWE ist darunter der größte CO2 -Emittent in Deutschland. Global war der Konzern im Jahr 2019 für den Ausstoß von 88 Millionen Tonnen CO2 verantwortlich – das ist mehr als 10 Prozent aller Emissionen in Deutschland. In der Kommunikation verkauft sich der Konzern allerdings als Klimaschutz-Vorreiter. Unter der Flagge von #NeueRWE soll der selbsternannte „Super Player“ für Erneuerbare, also ein grünes Unternehmen entstehen, der Kohlekonzern tätigt Investitionen in Erneuerbare Energien im Ausland und poliert so sein Image auf. Aber: Alle Zeichen deuten darauf hin, dass RWE kaum an Klimaschutz interessiert ist und die Möglichkeiten des Erneuerbaren-Ausbaus allein aus ökonomischem Interesse wahrnimmt. Beispielsweise sabotiert der Konzern in den Niederlanden dringend nötige Klimaschutz-Maßnahmen und klagt dort gegen deren geplanten Kohleausstieg auf zwei Milliarden Euro Entschädigung. NATURSTROM und andere Energieversorger klagen übrigens gegen die Milliarden von Entschädigungszahlungen, die Kohlekonzernen im Zuge des deutschen Kohleausstiegs zugesichert wurden.

Und so grün wie sie tut, ist die Neue RWE keinesfalls. Den Großteil seiner Energie erzeugt der Konzern noch immer mit fossilen Quellen: 2020 produzierte der Energieversorger europaweit ca. 50 Terawattstunden (TWh) Strom aus Erdgas, rund 37 TWh Strom aus dem fossilen Energieträger Braunkohle und knapp 30 TW aus Erneuerbaren Energien. Aber RWE baggert, und baggert, und baggert – einfach weiter. Dabei besteht laut einer Greenpeace Studie keine energiewirtschaftliche Notwendigkeit für z. B. Garzweiler II.

Kohle noch bis 2038

Eine andere Greenpeace-Studie hat das Re-Branding von RWE genauer unter die Lupe genommen. Besonderen Fokus legte die Untersuchung dabei auf die Entwicklungen der Stromproduktion, der Stromzusammensetzung und der CO2-Emissionen in den letzten Jahren. Dass hier Realität und die vorgebliche Neuorientierung nicht übereinstimmen, zeigt das Fazit der Analyse: Die fossilen Energieträger bilden nach wie vor den Kern des Geschäftsmodells, und das wird sich voraussichtlich auch nicht so schnell ändern. RWE will bis 2038 Kohlestrom produzieren. Schlimmer noch: Durch den Zukauf von fossilem Erdgasstrom baut der Essener Konzern diesen Bereich sogar noch aus. Mit einem Anteil von lediglich 2,2 Prozent am in Deutschland produzierten Ökostrom trägt RWE als eines der größten Energieunternehmen des Landes nur geringfügig zur Energiewende hierzulande bei – ganz anders bei den konventionellen Kraftwerken, wo das Unternehmen laut Bundeskartellamt sogar an der Schwelle zur Marktbeherrschung steht.

Auf der virtuellen Hauptversammlung von RWE Ende April hatten selbst RWEs große Aktionäre mehr Engagement für Klimaschutz und einen schnelleren Ausstieg aus der fossilen Energieerzeugung gefordert . Insbesondere vor dem Hintergrund der EU-Taxonomieverordnung , die sich auf nachhaltige Investitionskriterien beruft, gerät RWE nun immer mehr unter Druck.

Großkraftwerk vs. dezentrale Strukturen?

Die deutsche Energiepolitik der letzten Jahre setzt zunehmend auf große Strukturen, auch bei den Erneuerbaren Energien – der Fokus liegt dann also auf Offshore-Stromerzeugung und sehr großen Solar- und Windparks an Land statt kleinerer Projekte in der Fläche. Eine direkte Beteiligung der Bürger an den Projekten wird damit immer schwieriger, und auch andere Teilhabemöglichkeiten wie Eigenversorgung oder Mieterstrom sind mit vielen Hemmnissen belegt. RWE als Besitzer von fossilen Großkraftwerken und Betreiber der entsprechenden Infrastruktur bekommt dagegen eine sichere Position. Der weitere Ausbau einer nachhaltigen Energieversorgung wird so verlangsamt bzw. den großen Spielern im Energiemarkt zugeschustert. E.ON kann als größter deutscher Verteilnetzbetreiber mit sicheren Renditen rechnen und so auch andere Geschäftsfelder quersubventionieren – zum Nachteil von Wettbewerbern.

Dezentrale, streng auf Nachhaltigkeit orientierte Vor-Ort-Lösungen sind in solchen starren und renditeorientierten Unternehmensstrukturen kaum umsetzbar. Generell müssen sich börsennotierte Großkonzerne natürlich an den Interessen ihrer Aktionäre und damit am Shareholder Value orientieren statt an nachhaltiger Geschäftsausrichtung bzw. Energiewendeumsetzung – keine guten Perspektiven für eine dezentrale, nachhaltige Energieversorgung.
Und warum finden wir dezentrale Strukturen so gut? Eine dezentrale Energieversorgung weist eine höhere Resilienz gegenüber Störeinflüssen auf. Klar: Wenn viele kleine Erzeugungsanlagen und Verbraucher in einem System zusammengebunden sind, beeinflussen Probleme bei einzelnen Einheiten das Gesamtsystem deutlich weniger, als wenn wenige große Kraftwerke oder Akteure die Energieversorgung dominieren. Zudem ermöglicht eine Einbindung der Menschen schnellere und passgenauere Energiewende-Lösungen.

Selbst wenn man den Energieriesen einen Wandel hinsichtlich ihrer Ausrichtung zugestehen könnte, sind gerade die Treiber der bisherigen Energiewende in Deutschland – Dezentralität, Bürgernähe, Vielfalt – nicht die Kategorien, in denen diese Großkonzerne denken und agieren. Beim Ausbau Erneuerbarer Energien sind die Menschen vor Ort die entscheidenden Treiber oder Verzögerer – diese müssen also eingebunden werden. Die Energiewelt darf nicht allein den Großkonzernen überlassen werden. Daher sagen wir weiterhin: #wirspielennichtmit beim Deal zwischen RWE und E.ON – auch aus Gründen des Klimaschutzes.

Joanna Albrecht
Joanna Albrecht
joanna.albrecht@naturstrom.de

unterstützt das PR-Team von NATURSTROM seit September 2020, jongliert aber schon etwas länger beruflich mit Energiethemen. Ihr Herz schlägt Grün (und für Tiere). Sie mag Waldspaziergänge, Gärtnern und den Teamsport Ultimate Frisbee.

1 Kommentar
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    Christina Hammer
    Gepostet um 13:35h, 09 Juni Antworten

    Ich finde es absolut UNSÄGLICH, dass in beinahe allen Lobbygebieten, ebendiese Lobby sich selbst regulieren und prüfen darf. Die Bundesregierung schaut dabei zu, lächelt und steckt sich die Kohle (ha ha) in die Tasche. Furchtbar. Währenddessen werden die erneuerbaren Energien immer wieder und immer weiter durch die Regierung behindert, bis sie nicht mehr konkurrenzfähig sind.
    Ganze Dörfer mit Jahrhunderte alter Geschichte werden umgesiedelt und abgerissen, nur weil sich ein Kohlevorkommen darunter befindet, aber es wäre ja überhaupt nicht tragbar im Wohnumfeld ein Windrad stehen zu haben. Das endet dann letztlich damit, dass der Kohleausstieg in weite Zukunft verlegt wird, weil man das Land nicht mit den erneuerbaren Energien betreiben könne. Da frage ich mich nur „Warum wohl? Warum können wir das nicht?“.
    Diese Doppelmoral ist das Letzte!

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