Stehen wir am Beginn einer neuen Zeitrechnung?

Welche Rolle spielt Photovoltaik für die Energiewende und wo steht sie in unserer Gesellschaft? Unser Vorstandsmitglied Tim Meyer wirft einen Blick auf die Herausforderungen, Aufgaben und Chancen der Solarwirtschaft. In seinem Blogbeitrag appelliert er, Photovoltaik als das zu sehen, was sie ist: Treiber und integraler Teil der Energiewirtschaft in Deutschland.

1986 traf sich die noch junge Solar-Szene das erste Mal zum Photovoltaik-Symposium im Kloster Banz. Der letzte Kohlemeiler soll zwischen 2035 und 2038 abgeschaltet werden. Zwischen beiden Ereignissen liegt ein halbes Jahrhundert – die Energie­wende ist ein echtes Generationenprojekt. Zugleich ist sie das vermutlich größte nur denkbare Modernisierungsprogramm für Industrie und Infrastruktur und bietet weiter riesige Chancen für Unternehmen, Wissenschaft und Forschung: denn die bisherigen Schritte zum Ausbau der erneuerbaren Energien waren nur ein Anfang. Die größeren und vermutlich anspruchsvolleren Schritte zu 100% erneuerbarer Energie­versorgung liegen noch vor uns.

Projektierer Norbert Müller von Naturstrom

Projektierer stehen vor großen Herausforderungen © NATURSTROM AG

Das gilt auch für die Photovoltaik. Und wie bei allen großen Transformationsprozessen gibt es keinen Grund anzunehmen, dass sich die Spielregeln unterwegs nicht grundlegend ändern. Zwar haben Bestands­wahrer in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in den letzten Jahren wieder die Regie übernommen und das Tempo massiv gebremst. Dennoch wird deutlich, dass es ein „zurück in die Vergangenheit“ für niemanden geben kann: Die Energie- und die Solar­wirtschaft sind in einer neuen Zeitrechnung angekommen, deren Spielregeln, Chancen und Risiken sich deutlich vom Gewohnten unterscheiden. Das hat spürbare Auswirkungen auf die Solarwirtschaft als Ganzes und auf die einzelnen Wertschöpfungs­stufen vom Photovoltaik-Projektentwickler, Betreiber oder Betriebsführer bis zum Systemanbieter und teilweise auch Hersteller.

Photovoltaik wird Teil der Energiewirtschaft

Die Photovoltaik hat in der Vergangenheit extrem wichtigen Veränderungsdruck auf die Energiewirtschaft erzeugt. Dieser Druck wirkte „von außen“, aus dem dafür vom EEG geschaffenen Raum. Bereits seit einigen Jahren ist sichtbar, dass Energie­versorger massiv in das Photovoltaik-Geschäft einsteigen und sich zwischen Endkunden und Solarunternehmen schieben. Dies wird das Geschäft weiter prägen und neue Abhängigkeiten schaffen. In Zukunft wird die Solarwirtschaft so zum integralen Teil der Energiewirtschaft werden. Sie kann und wird sie „von innen“ heraus weiter treiben, wenn sie die für sie neuen energiewirtschaftlichen Regeln, Limitierungen und Chan­cen versteht – vom engen Korsett energiewirtschaftlicher Prozesse bis zu neuen Geschäftsmodellen auf Basis von Handel, Strukturierung und Lieferung von Strom.

Photovoltaik muss endlich auch Teil der Bauwirtschaft werden

 Tim Meyer  ©NATURSTROM AG

„In Zukunft wird die Solarwirtschaft zum integralen Teil der Energiewirtschaft“, sagt Vorstandsmitglied Tim Meyer  ©NATURSTROM AG

Die zweite große Zukunftsaufgabe und -chance liegt in den Städten: hier sind riesige Dachpotentiale immer noch ungenutzt und können große Mengen Solarstrom mitten in den Lastzentren direkt an Kunden vermarktet werden – mit Erlösen oberhalb der weiter abschmelzenden EEG-Einspeisevergütung. Die Immobilien­wirtschaft ist hierfür der entscheidende Partner, dem die Energie- und Solarwirtschaft jedoch echten Mehrwert anbieten muss. Hier fällt der Systemtechnik, den Planern und Herstel­lern eine zentrale Aufgabe zu: Denn bei Mieterstrom und ähnlichen Modellen ist die Photovoltaik nicht einfach ein Zusatz, der nachträglich in Elektrik, Statik, Planungs- und Bauab­läufe eingebracht werden kann. Vielmehr verschmelzen auch hier die Welten, müssen Solarteure für sie ganz neue bauseitige Anforderungen berücksichtigen und Elektro- oder TGA-Planer Neuland bei Elektro- und Zähler-Konzepten betreten, sind die Integration von Ladeinfrastruktur für E-Mobilität und Schnittstellen zu Gebäudeleit­technik und Facility Management Fragen der Immobilien­kunden.

Zwischen dem aus Klimaschutzgründen notwendigem Ausbau­tempo der Photovoltaik und dem Wissensstand der klassischen Baugewerke zur Integration der Photovoltaik auf eine solche Weise klaffen heute jedoch große Lücken. Auch Politik und Fachverbände sind gefordert, diese über massive Aus- und Weiterbildungs-Offensiven zu schließen – in Zeiten eines ohnehin überhitzten Bausektors keine einfache Aufgabe.

Digitale Geschäftsprozesse können alles ändern

Drittens sind zumindest längerfristig Umbrüche auch im vermeintlich einfachsten Segment der Eigenverbrauchsmodelle im Einzelgewerbe und in Einfamilien­häusern notwendig und zu erwarten. Heute sind hier Photovoltaik- und Photovoltaik-Speichermodelle etabliert und vielen Kunden im jetzigen Rahmen wirtschaftlich darstellbar. Klar ist aber, dass sich auch ans Netz angebundene Eigenverbraucher in einigen Jahren an den Netzkosten werden beteiligen müssen. Im Gegenzug müssen daher weitere deutliche Kostensenkungen für die Erzeugung von Solarstrom her.

Gerade im Geschäft mit kleinteiligen Photovoltaik-Anlagen wird ein Schlüssel dabei in der Senkung von Transaktionskosten liegen – das heißt nicht zuletzt in digitalen Geschäftsprozessen. Dabei ersetzen standardisierte Prozesse auf Basis von Softwareplattformen heutige Vertriebs- und Planungsstrukturen. Solche Strukturen benötigen jedoch großes Volumen, um die notwendigen Investitionen in Entwicklung und Vertrieb zu refinan­zieren. Bereits heute können nur eine Handvoll Plattformanbieter diesen Weg gehen und werden neue Partnerschaften und Abhängigkeiten für Photovoltaik-Firmen entstehen.

Unternehmen müssen ans Ganze denken: in Akzeptanz investieren!

Bei all dem muss die Solarwirtschaft neben kurzfristigen wirtschaftlichen Aspekten immer auch an ihr langfristiges Interesse und an ihre Mission denken, einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Denn zu denken, die zukünftige Dynamik des Photovoltaik-Ausbaus hänge nur von der Politik ab und die aktuell unverändert hohe Zustimmung in der Bevölkerung sei auch für die nächsten Jahrzehnte eine Selbstverständlichkeit, wäre fahrlässig. Gerade bei Freiflächenanlagen ist längst die regionale Akzeptanz keine Selbstverständlichkeit mehr. „Anonyme“ Projekte und Abschöpfen von Renditen schaden der Akzeptanz der Photovoltaik in Deutschland. Projektentwickler und Betreiber müssen noch stärker Teilen, Menschen und Gemeinden vor Ort in echte Beteiligungsmodelle einbinden und für neue Projekte aktivieren.

Dazu zählt auch die Entwicklung ganz neuer Modelle, von denen „Anrainertarife“ als vergünstigte regionale Stromlieferungen nur eine erste etablierte Spielart darstellen. Im Bereich der Eigenverbrauchsanlagen wird eine weiterhin ausgewogene Argumentation zwischen aktuellem Kostenvorteil und ökologischem Nutzen für die Kunden wichtig sein. Denn in einer Zeitrechnung, in der die Solarwirtschaft integraler Teil der Energiewirtschaft ist, muss sie noch deutlich mehr Verantwortung als Teil des Gesamtsystems übernehmen und muss sie auch den Nutzen des Netzes und des Verbundes aller Verbraucher erklären. Andernfalls verliert sie irgendwann die Akzeptanz all derer, die sich nicht mit eigenen Erzeugungsanlagen selbst optimieren können.

Fazit

Die Energiewende ist unvermeidlich und muss erheblich beschleunigt werden, wenn wir künftigen Generationen einen lebenswerten Planeten hinterlassen wollen. Dabei hängen Erfolg und Geschwindigkeit auch für die Solarwirtschaft stark von politischen Rahmenbedingungen ab. Auch unabhängig davon haben wir jedoch die Verantwortung und die Chance, weiter engagiert und innovativ für die Photovoltaik zu arbeiten. Nach mehreren Jahrzehnten der eigenen Erfolgsgeschichte ist es für die Photovoltaik aber wichtiger denn je, eingefahrene Wege in Frage zu stellen und sich selbst immer wieder neu zu erfinden.

Autor: Tim Meyer, Vorstand der NATURSTROM AG.

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