So sehen die Pioniere der Energiewende aus

Alle reden von der Energiewende, aber wer macht die denn nun? Zum Beispiel Menschen wie Kay Thomsen. Der 57-jährige Landwirt aus Schleswig-Holstein hat die Chancen der Windenergie als einer der ersten erkannt und genutzt. Heute ist er wütend auf die Bundesregierung. Wir haben ihn auf seinem Hof zwischen Kiel und Flensburg besucht.

Eigentlich hatte Kay Thomsen das alles nicht vor. „Trotzdem würde ich es genauso wieder machen“, sagt er und dann folgt ein typischer Thomsen-Satz: „Wenn sich Gelegenheiten bieten, muss man zugreifen.“ Was er meint: Wenn sich Gelegenheiten bieten, Heimat und Klimaschutz zu vereinen, packt er als erster mit an. In seiner Region war er der erste Windmüller und baute als erster eine Biogasanlage. Und es lässt ihn noch immer fassungslos zurück, wenn er an Bauernhöfen vorbeifährt und Dächer ohne Solaranlagen sieht. Auf seinem Hof, der mehr Energie- als Bauernhof ist, bleibt keine Fläche ungenutzt: Auf fünf Dächern Solaranlagen, ein kleines Windrad und eine Biogasanlage, Batteriespeicher und Elektroautos.

E-Traktor, kleine Solaranlage und Biogasanlage auf dem Hof von Kay Thomsen. Quelle: energiezukunft/Clemens Weiß

Gerade hier im Norden herrschen ideale Bedingungen, findet Thomsen: Viel Wind, gute Sonneneinstrahlung, landwirtschaftliche Abfälle für Biogasanlagen. Und das wichtigste: Fläche. Daran mangelt es rund um die kleine Stadt Süderbrarup mit knapp 4.000 Einwohnern nicht, auf halber Strecke zwischen Kiel und Flensburg. . „Wir sind hier in Süddänemark“, sagt er und man ist sich nicht sicher, wie ernst er es meint. Wenn man sich an norddeutschen Klischees abarbeiten möchte, scheint Thomsen ein gutes Beispiel: Trocken im Humor, immer ein „Moin“ auf den Lippen, direkt und ehrlich. Aber: Alles anderes als wortkarg.

Er bewegt sich jugendlicher als man es von einem Mann seines Alters erwarten würde. Er redet schnell und offen, mit seiner Meinung hält er sich nicht zurück. Seit zehn Jahren ist Thomsen nicht mehr in den Urlaub gefahren und es fällt schwer, sich vorzustellen, wie er einfach mal nichts macht.

Mit „Learning by doing“ zur Energiewende

Er kann stundenlang über Wirkungsgrade von Elektromotoren referieren und unter welchen Bedingungen eine Solarthermie-Anlage rentabel wird. Studiert hat er nichts dergleichen, er ist gelernter Gärtner. Obwohl das nicht ganz richtig ist. Gelernt hat er jede Menge, er bringt es sich nur selbst bei. „Learning by doing“ heißt das neudeutsch. Einfach anfangen und ausprobieren, nennt es Kay Thomsen. „Man lernt besonders viel, wenn etwas schiefgeht“, sagt er lachend und lebt damit genau die Mentalität, die in Startup-Metropolen als neue Denkweise gefeiert wird. Nur ist hier oben weder Berlin, was am fehlenden Handyempfang leicht zu erkennen ist, noch ist die Perspektive für Thomsen neu.

Mit dieser Lebenseinstellung ist er weit gekommen, aber immer in seiner Heimat geblieben. Fünf Mal zog er in seinem Leben um, immer innerhalb weniger Kilometer rund um Süderbrarup. Nur einmal, als Kind, wohnte die Familie woanders und obwohl es nur wenige Jahre waren, hat die Erfahrung sein Leben geprägt. Der Nachbar eher unangenehm: Das Atomkraftwerk Brokdorf an der Elbe.

50 Jahre später denkt er noch an diese Zeit. Damals starben reihenweise kleine Molkereien aus, Thomsens Vater versuchte sie zu retten. „Ständig schlossen kleine Betriebe, alles musste immer größer werden“, erinnert er sich. Er hält von dieser Wirtschaftsweise wenig, besonders, weil dünn besiedelte Regionen abgehängt werden. „Meinem Vater ist es damals nicht gelungen, die Werthaltigkeit vor Ort zu halten, das wollte ich anders machen.“ Als vor 30 Jahren sein erster Sohn geboren wurde, fasste Thomsen einen Entschluss: Ich will meinen Kindern diesen Planeten und meine Region besser hinterlassen, ohne Atommeiler und ohne Kohlekraftwerke. „Konkret etwas verändern kann ich nur in meinem Umfeld und das habe ich einfach angepackt.“

Ein Millionenkredit für die junge Familie

Als er 1990 eine Anzeige in einem „Käseblatt“ entdeckte, legte er los. Zwei Hamburger suchten Standorte für Windräder. Also schloss Thomsen mit dem Bauern nebenan einen Pachtvertrag ab, sprach mit den zuständigen Behörden und besorgte einen vorläufigen Bauantrag. Während er bei der Bundeswehr als Nachschubmeister in der Kaserne in Süderbrarup arbeitete. „Ich hab für die Truppe alles besorgt, vom Kugelschreiber bis zur Rakete.“

Finanziert haben Thomsen und seine Frau das erste Windrad gleich mit – und den ersten Kredit über viele Hunderttausend Mark aufgenommen. Von seinem Hof aus kann man zusehen, wie die Flügel der Anlage noch immer rhythmisch ihre Runden drehen. Sie stammen aus einer Zeit, in der sich nur ein paar Landwirte und „Öko-Spinner“ für Windräder und Solaranlagen interessierten.

Es folgten weitere Windräder und Kredite. „Ich habe damals 2.000 Mark verdient, meine Frau war gerade fertig mit ihrem Studium und wir hatten ein Haus gekauft, also war es finanziell eigentlich recht knapp.“ Es klingt naiv, hat sich aber nie gerächt: Die junge Familie nahm Kredite im Wert von über einer Million Mark auf und Thomsen stieg nun richtig in den Bau ein. „Ich habe den ganzen Prozess begleitet und am Ende mit dem Tiefbauer dafür gesorgt, dass die Windräder auch tatsächlich stehen.“ Nachmittags holte er den Sohn vom Kindergarten ab, während seine Frau als Ärztin im nächsten Krankenhaus arbeitete.

An insgesamt 14 Windrädern ist Thomsen beteiligt, seit der Jahrtausendwende lebt die Familie vollständig mit und von der Windkraft. Das letzte große Windrad hat er vor zwei Jahren errichtet. Seit die Politik die Regeln geändert hat, hält er sich zurück.

Warum nicht einen Wald pflanzen?

Die Energiepolitik der Bundesregierung hält er für eine Katastrophe. Obwohl die große Politik hier oben auf dem flachen Land weit weg erscheint, hat sie Auswirkungen auf ihn. „Unsere Windräder wurden in den letzten beiden Jahren zu 80 Prozent abgeregelt“, schimpft Thomsen. Weil Stromleitungen fehlen, werden Anlagen von den zuständigen Netzbetreibern abgestellt und die Betreiber finanziell entschädigt. „Das ist so sinnlos. Ich hab die Mühlen doch nicht hingestellt, um Geld zu bekommen, sondern um Ökostrom zu produzieren.“

Wenn Thomsen etwas ungerecht erscheint, schwingen seine großen Hände, die nach schwerer Arbeit aussehen, gestikulierend herum. Warum große Konzerne kaum Steuern zahlen und ihre Gewinne nach Luxemburg verschieben. Oder wieso die Humusschicht auf deutschen Äckern verschwindet und das für Natur und Klima eine Katastrophe ist.

Sein Herzensthema bleibt aber die Energiepolitik. „Für die erste Windmühle hab ich noch mit Buntstiften meiner Jungs für die Behörden aufgezeichnet, von wo man die Anlage aus überall sehen kann“, beschreibt er mit einem Lächeln die unregulierten Zeiten der Windbranche. „Heute braucht man für eine kleine Anlage auf seinem eigenen Hof einen dicken Ordner in achtfacher Ausführung und eineinhalb Jahre Geduld.“ Das Windrad mit Buntstift-Zeichnung war dagegen nach sechs Wochen genehmigt.

Bewundernd spricht er über Greta Thunberg, die 16-jährige Schwedin, die seit einem Jahr den Mächtigen der Welt die Dringlichkeit beim Klimaschutz vorhält. Und erzählt anschließend von seinem nächsten Projekt, das er sich mit seinem Sohn vorgenommen hat und das Thunberg sicher gefallen würde: Einen Hektar Wald auf seinem Land pflanzen. Dann folgt wieder ein typischer Thomsen-Satz: „Wir haben uns gedacht, lass uns doch was für unsere CO2-Bilanz tun.“

Autor: Clemens Weiß, Redakteur bei dem Energiewende-Magazin energiezukunft und so tagtäglich für die Aufklärung rund um Energiethemen unterwegs –  ab und zu auch in Schleswig-Holstein. Der Beitrag wurde zuerst in der energiezukunft publiziert.

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