Mieterstrom: Gute Idee, schlechte Rahmenbedingungen – und warum wir es trotzdem machen

Sonnenstrom direkt vom Dach nutzen, das war lange Zeit nur Eigeneheimbesitzer*innen vorbehalten. Erst seit wenigen Jahren bietet Mieterstrom das Potenzial für Millionen andere Haushalte, günstigen und vor Ort erzeugten Solarstrom zu beziehen. Das wäre nicht nur von Vorteil für die Mieter, sondern auch für die Energiewende. Denn Mieterstrom bringt die Photovoltaik auf die Mehrfamilienhäuser der Innenstädte. Allerdings: So bestechend der Grundgedanke ist – bislang haben außer NATURSTROM erst wenige andere Akteure Mieterstromprojekte verwirklicht. Warum das so ist, erfahrt Ihr in diesem Blogbeitrag.

Kaum ein Symbol steht so für die Veränderung der Energiewelt wie die Millionen Photovoltaikanlagen auf deutschen Hausdächern. Statt in möglichst großen Kraftwerken und mit viel Hitze und Schadstoffausstoß Strom in riesigen Einheiten zu erzeugen und übers Land zu verteilen wird der Solarstrom aus Dachanlagen sauber, leise und dezentral direkt am Verbrauchsort produziert. Aber nicht nur Ort und Art der Stromerzeugung ändert sich mit der Verbreitung von Photovoltaik, sondern auch die Besitzverhältnisse: Während der Strommarkt lange Jahre nur von vier großen Playern dominiert wurde, kann mit einer Solaranlage jede*r mit einem eigenen Dach seinen eigenen Strom generieren – und dank der enormen Kostensenkungen der Technologie ist der auch noch deutlich günstiger als beispielsweise die Tarife des örtlichen Versorgers. Die einzige Hürde: Um diesen günstigen Solarstrom selbst erzeugen und verbrauchen zu können, braucht es eben ein eigenes Dach. Dabei wohnt knapp die Hälfte der Deutschen zur Miete, gerade in Städten – wodurch einerseits viele gerade sozioökonomisch schlechter gestellte Gruppen nicht so direkt an den positiven Perspektiven der Energiewende partizipieren können und andererseits auch das Potenzial viel zu vieler Dächer für die Solarstromerzeugung nicht genutzt wird.

Mieterstrom als soziales wie ökologisches vorteilhaftes Instrument

Die prinzipielle Lösung des Dilemmas: Mieterstrom. Durch eine gezielte Rahmensetzung wollte die Politik mit dem im Juli 2017 verabschiedeten Mieterstromgesetz es ermöglichen, dass auch in Mietshäusern Strom von einer auf dem Dach installierten Photovoltaikanlage genutzt werden kann, die Mieterinnen und Mieter also günstigen und direkt vor Ort erzeugten Solarstrom nutzen können, auch wenn die Anlage diesen eben nicht gehört. Gerade für Menschen, die sich kein Eigenheim leisten können, können die resultierenden günstigeren Stromkosten eine echte Erleichterung bedeuten. Zudem wird so auch auf vielen Dächern die Installation von Solarleistung interessant, die bisher wegen der Diskrepanz von Dacheigentümer und Vor-Ort-Stromverbraucher praktisch vergessen waren.  Mieterstrom also eine rundum gelungene Sache – eigentlich.

Fördergesetz als Hemmschuh für Mieterstrom

Leider konnte das riesige Potenzial in der Praxis noch kaum erschlossen. Seit dem vor knapp drei Jahren das Mieterstromgesetz beschlossen wurde, sind solare Mieterstromprojekte mit einer Leistung von lediglich rund 20 MW insgesamt umgesetzt worden. Das Gesetz sieht eigentlich einen Zubau von 500 MW vor – und das jährlich. Dass die Rahmenbedingungen beim Mieterstrom daher dringend reformbedürftig sind, stellt auch der eigene Evaluationsbericht der Bundesregierung fest. Einige Beispiele: Mieterstrom wird nicht als Eigenverbrauch eingeordnet, sondern die Einspeisung der Anlagen gefördert, der Betreiber muss im Gegenzug einen günstigeren Stromtarif anbieten. Allein diese Konstruktion ist schon bürokratisch, verschärfend kommt hinzu, dass diese Mieterstromförderung nicht als eigene Vergütungsklasse im EEG eingeführt wurde, sondern sich aus der jeweils aktuellen PV-Einspeisevergütung minus einem festgelegten Abschlag ergibt. Durch die starke Degression bei der generellen Solarförderung führte das dazu, dass Mieterstromanlagen je nach Größe schon heute oder spätestens in wenigen Monaten gar keine Förderung mehr erhalten. Beschränkungen bei Größe und Planung der einzelnen Projekte verhindern zudem möglichst umfassende Projekte und damit eine möglichst weitgehende Ausnutzung der Dachflächen. Zudem laufen Wohnungsunternehmen Gefahr, mit dem Betrieb von Mieterstromanlagen gewerbesteuerrechtliche Privilegierungen zu verlieren. All diese und weitere Punkte machen Mieterstrom bislang in der Umsetzung für die meisten Energieversorger und für weite Teile der Immobilienwirtschaft sehr unattraktiv. Daher wurden bisher nur wenige Projekte von Unternehmen wie NATURSTROM umgesetzt, die sich schon frühzeitig ein profundes Prozesswissen angeeignet haben und Mieterstrom aus Überzeugung vorantreiben wollen. Gleichzeitig setzen wir uns auch immer wieder politisch für eine Verbesserung der Rahmenbedingungen ein, zuletzt etwa Mitte Mai in einem offenen Brief gemeinsam mit weiteren Branchenakteuren.

Mieterstrom in der Praxis

Während die Realisierung von Mieterstrommodellen für Dacheigentümer und insbesondere die Betreiber und Anbieter des Angebots durchaus komplex sein kann, gilt dies nicht für die Haushalte. Als Partei in einem Haus mit Mieterstromangebot kann ich wie überall meinen Stromanbieter frei wählen – habe aber eben noch die zusätzliche Wahloption des Mieterstroms, womit mein Strombedarf nicht nur anteilig direkt durch die Solaranlage auf dem Dach gedeckt wird, sondern bei welchem mir auch garantiert wird, dass der Strompreis maximal 90 Prozent des jeweiligen Grundversorgungsangebots beträgt. Da für Mieterstrommodelle zudem in der Regel neue Messeinrichtungen eingebaut werden, sind hier sogar zusätzliche Möglichkeiten und Komfortgewinne durch intelligente Zähler denkbar. Und natürlich kommt jederzeit Strom aus der Steckdose, auch wenn die Sonne nicht scheint – Mieterstromtarife sind immer ein Mix aus der Vor-Ort-Erzeugung und der Lieferung des jeweiligen Versorgers. Bei Mieterstromprojekten von NATURSTROM fließt entsprechend jederzeit und verlässlich 100 Prozent Ökostrom, entweder direkt aus der Solaranlage vom Dach oder von anderen Erneuerbare-Energien-Anlagen durch das Netz.

NATURSTROM als Pionier der dezentralen Versorgung

Trotz der praktischen Hemmnisse sind wir bei NATURSTROM überzeugt von der Mieterstrom-Idee. Von Anfang war eine dezentrale Stromversorgung aus Basis Erneuerbarer Energien unsere Vision – und Mieterstrom ist hier ein hervorragender Ansatz, um diese zu verwirklichen. Schon vor dem Inkrafttreten des Mieterstromgesetzes haben wir daher entsprechende Lösungen umgesetzt und in den letzten Jahren insgesamt rund 50 Mieterstromprojekte verwirklicht – etwa im mehrfach mit Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichneten Berliner Möckernkiez, zuletzt in einem Hamburger Quartier, aber auch in vielen anderen Städten und Immobilien. Auch in Zukunft wollen wir neue Projekte realisieren und uns aktiv für politische Verbesserungen rund um dezentrale Versorgungsmöglichkeiten, insbesondere auch beim Mieterstrom, einsetzen. Die bis Mitte 2021 umzusetzende Implementierung der EU-Erneuerbaren-Richtlinie könnte hier etwa deutliche Verbesserungen bringen. Und auch für Menschen ohne eigene oder Mieter-Solaranlage auf dem Dach wollen wir den Bezug dezentral verankerter Ökostromangebote vereinfachen. Dazu haben wir Anfang des Jahres ergänzend zu unseren bestehenden Regionalstromangeboten im ländlichen Raum in einigen Großstädten spezielle Städtetarife aufgelegt. Der Strom kommt bei diesen Angeboten zwar nicht direkt vom Dach des Wohnhauses, aber dank der Nutzung von Regionalnachweisen garantiert aus Erneuerbaren-Energien-Anlagen in der eigenen Umgebung. Dieses Angebot ist damit neben dem Mieterstrom ein weiterer Schritt, unserer Vision von einer dezentralen, erneuerbaren Stromversorgung überall und damit auch in der Großstadt immer näher zu kommen.

Sven Kirrmann
Sven Kirrmann
sven.kirrmann@naturstrom.de

Unterstützt seit Juli 2019 von Berlin aus die NATURSTROM-Pressearbeit. Schon lange Jahre überzeugter Energiewender, auch beruflich. Unter anderem zuvor bei der Agentur für Erneuerbare Energien mit Kommunikation zu einer nachhaltigen Energieversorgung beschäftigt.

Keine Kommentare

Post A Comment