Jetzt zählt’s: die Smart Meter kommen

Ende Januar startete in Deutschland  mit der so genannten Markterklärung zum Einbau intelligenter Messsysteme der Roll-Out von Smart Metern. Und der wirft viele Fragen auf: Was können die neuen Geräte, welchen Nutzen haben die Verbraucher*innen und welche Kosten entstehen durch die Installation? Wer ist überhaupt betroffen und unter welchen Voraussetzungen werden die modernen Messeinrichtungen installiert? Welche Kritik gibt es an dem Vorhaben? Und nicht zuletzt: Warum braucht es überhaupt Smart Meter? Diesen Fragen widmen wir uns in diesem Blogbeitrag und wollen damit dazu beitragen, die Digitalisierung der Energiewende zu erklären.

Zunächst zu den Begrifflichkeiten: Smart Meter können in verschiedenen Bereichen auftreten und künftig sowohl den Strom- wie auch den Wärme-, Wasser- oder Gasverbrauch messen. Der Haupteinsatzzweck ist aktuell aber noch im Stromsystem, weshalb wir uns in diesem Artikel auf diesen Bereich konzentrieren. Aber auch mit Fokus auf den Strombereich muss man bei den Definitionen aufpassen, allein eine moderne Messeinrichtung ist nämlich noch lange keine intelligente Infrastruktur. Die Abgrenzung ist im deutschen Gesetz klar geregelt: Ein digitaler Zähler ist zwar bereits deutlich funktionsfähiger als die herkömmlichen elektromagnetischen Ferarris-Zähler. Er kann nicht nur den aktuellen Verbrauchsstand anzeigen, sondern auch den Verlauf speichern. Damit können etwa die Stromverbrauchsdaten für bestimmte Zeiträume oder Lastspitzen beim Strombedarf kenntlich gemacht werden. Zum Smart Meter beziehungsweise zum intelligenten Messsystem werden die digitalen Zähler aber erst, wenn sie auch über eine Kommunikationseinheit verfügen, das so genannte Smart Meter Gateway. Erst dann muss der Zählerstand nicht mehr durch einen Servicemitarbeiter oder den Stromkunden vor Ort abgelesen werden; Netzbetreiber, Stromversorger oder auch der angeschlossene Haushalt können stattdessen automatisiert und in beliebiger Auflösung über unterschiedliche digitale Plattformen auf die Daten zugreifen. Auch die Interaktion mit dem Stromnetz, etwa für lastvariable Tarife (s.u.), ist erst mit einem Smart Meter möglich.

Smart Meter als Grundbaustein für die Digitalisierung des Energiesystems

Angesichts der grundlegenden Umwälzung beim Umstieg auf Smart Meter fragen sich sicherlich viele: Wofür braucht es das überhaupt? Sicher ist, dass wir für die Steuerung eines immer dezentraler und vielfältiger geprägten Energiesystems digitale Prozesse benötigen, die ein möglichst großen Teil des Energiesystems abbilden –weshalb es auch entscheidend ist, dass ausreichend Informationen über die aktuelle Verbrauchslage auch von bisher nur grob abgeschätzen Kleinverbrauchern verfügbar sind. Smart Meter können genau diese bisherige Leerstelle für Haushalte sowie kleine bis mittlere Gewerbebetriebe schließen und die Daten dieser Verbraucher ins Stromsystem einspeisen. Mit den intelligenten Messgeräten wird die Energiewirtschaft ins Internetzeitalter geholt. Wie schon bei der vernetzten Telekommunikation gilt auch für die Energiewirtschaft, dass dies sicher nicht für jede*n Einzelne*n nötig ist. Insgesamt wird die Energieversorgung wie auch unsere ganze moderne Zivilisation allerdings kaum mehr ohne diese unterliegende digitale Verknüpfung funktionieren. Und für viele bietet die neue Technologie auch durchaus einen Mehrwert: angefangen vom Komfort, nicht mehr den Stromzähler ablesen zu müssen, über die erhöhte Transparenz zum eigenen Strombedarf und damit auch mehr Möglichkeiten zu einem effizienten Verhalten bis hin zu tatsächlich neuen Anwendungen für Prosumer*innen und flexible Verbrauchsanwendungen.

Im Erzeugungsbereich ist dieser Zustand schon längst Standard. Sowohl Großkraftwerke wie dezentrale Erneuerbaren-Anlagen sind digital angebunden und können aus der Ferne angesteuert werden, etwa um bessere Preise an der Strombörse zu erzielen oder das Stromnetz zu stabilisieren. Auch bei sehr großen Verbrauchern mit mehr als 100.000 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr, wie etwa bei Industrieunternehmen, gab es bisher schon eine reale Leistungsmessung, die jederzeit einen genauen Blick auf den aktuellen Strombedarf in den Betrieben erlaubte. Mit dem beginnenden Roll Out von Smart Metern werden nun auch Daten kleinerer bis mittelgroße Verbraucher*innen in Echtzeit erfasst. Und für die zunehmende Anzahl an Prosumer*innen in Deutschland gibt ein Smart Meter ebenfalls mehr Einblick in die eigenen Energieflüsse. Hierzu zählen etwa Haushalte, die mit einer Photovoltaikanlage auf dem Dach Ökostrom produzieren und diesen eventuell sogar noch speichern oder die über flexible Lasten wie eine steuerbare Wärmepumpe oder eine Ladevorrichtung für ein Elektroauto verfügen. Für diese Haushalte ist ein Smart Meter zudem Voraussetzung, um von variablen Tarifen zu profitieren. Diese bislang noch kaum verfügbaren, in Zukunft aber womöglich häufiger anzutreffenden Angebote bieten einen wechselnden Strompreis, der sich je nach dem Zustand der Netze bzw. dem aktuellen Stromangebot in der Region richtet. Damit bekommen die Verbraucher*innen einen Anreiz, ihren Bedarf auf die aktuelle Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien auszurichten. Ohnehin wird eine gewisse Flexibilisierung des Verbrauchs für solche Nutzer*innen steuerbarer Lasten in Zukunft verpflichtend werden – auch dafür ist ein Smart Meter die Voraussetzung.

Roll Out der Smart Meter – wann, bei wem und wie teuer?

Diese intelligenten Zähler sind also unabdingbar für die Energiewende, um den Verbrauch stärker mit der künftig vermehrt fluktuierenden Erzeugung zu verknüpfen. Je mehr solcher Zähler installiert werden, desto vollständiger wäre natürlich das Bild über die Stromverbraucher und desto besser könnte die Aussteuerung gelingen. Muss also nun jeder Stromzähler ausgetauscht werden?

Nein, keinesfalls. Zwar wird der Einbau auch viele Haushalte betreffen, aber zunächst vor allem die mit einem deutlich überdurchschnittlichen Strombedarf sowie die Photovoltaikanlagen-Betreiber ab einer bestimmten Größe. Eigentlich sollte der Einbau schon 2017 starten. Der verpflichtende Einbau begann aber erst im Jahr 2020 mit der Verfügbarkeit von drei zertifizierten Zählern und der daraufhin am 31. Januar veröffentlichten Markterklärung. Er wurde dann eigentlich auch gleich für alle beschriebenen Verbrauchsgruppen wirksam. Ein verpflichtender Einbau erfolgt damit für Haushalte und Gewerbe ab einem Verbrauch von mindestens 6.000 kWh pro Jahr. Zum Vergleich: ein Durchschnittshaushalt mit drei Personen wird oft mit einem Bedarf von 3.500 kWh angegeben. Auch Besitzer*innen von Photovoltaikanlagen sowie von steuerbaren Lasten wären eigentlich von dem verpflichtenden Einbau betroffen – da es jedoch noch offene Fragen zu der Einbindung dieser Anlagen sowie zu den sich durch Smart Meter bietenden Möglichkeiten für diese Gruppen gibt, wurde für diese Haushalte ein weiterer Aufschub bis Ende Oktober 2020 gewährt. Allerdings kann der zuständige Messtellenbetreiber generell auch für Haushalte mit einem geringeren Stromverbrauch bzw. kleineren Photovoltaikanlagen optional einen Einbau von Smart Metern vornehmen. Die Haushalte haben hier keine Widerspruchsmöglichkeit, aber es gelten dann noch deutlichere Preisobergrenzen als im Normalfall. Auch ein freiwilliger Einbau auf Wunsch von nicht unter diese Regelungen fallenden Verbraucher*innen ist immer möglich, in dem Fall sind allerdings die vorgesehenen Preisobergrenzen nicht wirksam.

Apropos: Die Kosten für den Einbau der Smart Meter können die Messtellenbetreiber auf die Kund*innen umwälzen, die Höhe des Beitrags ist jedoch klar begrenzt. Bei einem Jahresverbrauch von 6.000 bis 10.000 kWh beträgt diese Preisgrenze 100 Euro pro Jahr, bis 20.000 kWh pro Jahr dann 130 Euro, bis 50.000 kWh sind es 170 Euro im Jahr, und bei einem Stromverbrauch zwischen 50.000 und 100.000 kWh im Jahr werden maximal 200 Euro fällig. Bei einem optionalen Einbau, also bei Haushalten mit wenig Stromverbrauch oder einer kleinen Solaranlage, betragen die Kosten zwischen 23 und 60 Euro im Jahr. Diese Kosten werden zudem erstmals extra ausgewiesen und werden direkt von den zuständigen Messstellenbetreibern erhoben – bisher gingen die Aufwände fürs Messwesen in den Netzentgelten unter. Auch können Verbraucher*innen inzwischen den Messtellenbetreiber wechseln und dadurch eventuell Kosten sparen. Insofern trägt der Einbau intelligenter Stromzähler trotz gewisser möglicher Mehrbelastungen auch an dieser Stelle zur Transparenz bei.

Kritik an den Smart Metern

Obwohl sich die allermeisten Energiewendebeobachter einig sind, dass es mehr Intelligenz im Stromsystem braucht, gibt es an dem Smart Meter Rollout durchaus auch Kritik: Neben dem generell verzögerten Ausrollen betrifft der deutlichste Einwand die verbauten Geräte selbst: Demnach weisen die nun zertifizierten Smart Meter der ersten Generation noch gar nicht alle Fähigkeiten auf, die für eine wirkliche Digitalisierung der Energiewende gebraucht würden. Unser Vorstand Tim Meyer bemängelt etwa, dass momentan verfügbare intelligente Messysteme gerade für das eigentlich vielversprechende Segment der Mieterstromprojekte oder auch für die angedachte Mehrspartenmessung – also die gleichzeitige Auslesung von Stromverbräuchen mit Wasser-, Wärme- oder Gasdaten – nicht ausgelegt wären. Gerade Verbraucherschützer weisen auf den zusätzlichen Datenverkehr hin, denn mit den intelligenten Zählern wird auch der eigene Energieverbrauch deutlich nachvollziehbarer. So gibt es ähnlich wie bei allen anderen Informationsanwendungen auch Missbrauchsmöglichkeiten bei den Smart Metern. In Deutschland wurde bei dem Zertifizierungsprozess zwar sehr viel Wert auf die Datensicherheit der Geräte gelegt – nicht zuletzt deshalb verzögerte sich der Rollout so stark –, aber eine absoluter Missbrauchsschutz ist natürlich nie gegeben. Auch das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist nach Ansicht der Verbraucherschützer nicht ausgewogen. Die neu gewonnene Transparenz beim Energieverbrauch und die daraus resultierenden möglichen Einsparungen könnten die Zusatzkosten aktuell kaum aufwiegen. Dies gilt insbesondere, da potenziell für die Verbraucher*innen vorteilhafte Angebote wie variable Stromtarife bislang kaum existieren.

Der für viele Haushalte erste Schritt in die Digitalisierung des Energiesystems lief damit alles andere als rund. Dennoch bleibt die intelligente Verknüpfung der allermeisten Akteure im Energieversorgungssystem, seien es Erzeuger, Verbraucher oder die neue Mischform der Prosumer, für eine erfolgreiche Energiewende unabdingbar. Auch entspricht eine Digitalisierung der Stromzähler dem technischen Stand des 21. Jahrhunderts und den heutigen Erwartungen vieler Verbraucher Komfort und Bedienbarkeit elektronischer beziehungsweise vernetzter Geräte. Insofern war dieser erste Schritt vielleicht noch etwas wacklig und ging nicht ganz in die richtige Richtung. Nichtsdestotrotz bedeutet die Ende Januar 2020 erfolgte Markterklärung zum Smart Meter Roll Out den Startschuss für eine spannende und vielversprechende Reise ins nächste Kapitel unserer Energieversorgung.

Sven Kirrmann
Sven Kirrmann
sven.kirrmann@naturstrom.de

Unterstützt seit Juli 2019 von Berlin aus die NATURSTROM-Pressearbeit. Schon lange Jahre überzeugter Energiewender, auch beruflich. Unter anderem zuvor bei der Agentur für Erneuerbare Energien mit Kommunikation zu einer nachhaltigen Energieversorgung beschäftigt.

4 Kommentare
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    Bernd
    Gepostet um 22:10h, 04 Februar Antworten

    Völlig unerwähnt blieb hier, dass eine immer stärkere Digitalisierung der Infrastruktur unser Stromnetz und damit auch unsere Gesellschaft immer angreifbarer macht. Hackerangriffe werden nur deshalb nicht mehr in den Medien erwähnt, weil sie alltäglich geworden sind.
    Kritisch sehe ich auch Sätze wie „Insgesamt wird die Energieversorgung wie auch unsere ganze moderne Zivilisation allerdings kaum mehr ohne diese unterliegende digitale Verknüpfung funktionieren.“ Das sind pauschale Behauptungen von Leuten, die selbst von der Digitalisierung profitieren oder für die Digitalisierung einen fast schon religiösen Charakter angenommen haben, Fernlicht mehr hinterfragt werden darf.

    • Sven Kirrmann
      Sven Kirrmann
      Gepostet um 18:20h, 05 Februar

      Hallo Bernd,

      dass die Digitalisierung der Stromnetze natürlich auch die digitalen Angriffsmöglichkeiten auf diese erhöht, ist durchaus im Absatz „Kritik“ erwähnt, wenn auch zugegebenermaßen nicht allzu ausführlich. Der generellen Feststellung kann ich so zustimmen, allerdings kann man andererseits auch sagen, dass mit einer stärkeren digitalen Steuerung und mehr Sensoren im Netz das System andersherum robuster gegen klassische physische Angriffe oder Störungen wird, einfach weil ein viel besseres Bild des aktuellen Zustandes und damit auch zielgerichtetere Reaktionen auf potenzielle Probleme möglich werden. Zudem muss gesagt werden, dass das Stromsystem zu den kritischen Infrastrukturen zählt und hier bei der Digitalisierung sehr hohe Sicherheitsstandards angelegt werden – ein Szenario wie etwa im Buch Blackout beschrieben ist zwar theoretisch denkbar, praktisch aber kaum umzusetzen.

      Zu der generellen Bewertung der Digitalisierung: Es ist sicher richtig, dass hier einige Entwicklungen auch kritischer betrachtet werden müssten und man viele der ja durchaus komfortablen Angebote zu selbstverständlich nutzt – das kann ich auch ganz für mich persönlich so unterschreiben. Dennoch bleibe ich dabei, dass unsere moderne Gesellschaft des 21. Jahrhunderts nicht ohne diese unterliegende Digitalisierung denkbar wäre. Das Internet ist ein elementarer Bestandteil unseres Lebens, nicht umsonst wird ein Onlinezugang schon wie der Anschluss an die Wasser- und Energienetze als Teil der Daseinsvorsorge gesehen. Das kann man kritisch sehen – und muss es wie oben gesagt sicher auch an manchen Stellen – ist aber der aktuelle Zustand, von dem wir auch nicht, zumindest nicht kurzfristig, wegkommen. (Und von dem ich für meinen Teil auch nicht weg will.) Allein der jetzt geführte Austausch wäre etwa ohne Digitalisierung wohl nur schwer möglich 😉

      Und für die Energieversorgung ist es eben so, dass ein System mit sehr viel mehr und unterschiedlicheren Erzeugern sowie Verbrauchern nur ausbalanciert werden kann, wenn die Steuerung Daten zu diesen ganzen Elementen zur Verfügung hat und diese auch verarbeiten kann. Das ist ohne Digitalisierung und Automatisierung undenkbar. Daher bleibe ich dabei, dass die Digitalisierung der Energieversorgung für eine erfolgreiche Energiewende unabdingbar ist – auch wenn wir die entsprechenden Prozesse sicher immer durchaus kritisch begleiten müssen.

      Viele Grüße, Sven von NATURSTROM

  • Avatar
    Martin
    Gepostet um 13:23h, 05 Februar Antworten

    Ich fände es interessant, wenn Naturstrom einen zeitabhängigen Tarif in Kooperation mit z.B. Discovergy anbieten würde.

    • Sven Kirrmann
      Sven Kirrmann
      Gepostet um 11:58h, 10 Februar

      Hallo Martin,
      danke für die Anregung! Aktuell ist da bei uns noch nichts konkret in Vorbereitung, aber wir schauen uns die Entwicklungen natürlich ganz genau an, insbesondere da mit dem nun beginnenden Smart Meter Rollout natürlich auch bessere Voraussetzungen für die Nutzung solcher Tarife geschaffen werden.
      Viele Grüße, Sven von NATURSTROM

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