Was schmilzt in der Sonne? Der Wert von Solarstrom

11.07.2025

 – Tim Loppe

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Der Photovoltaik-Boom der vergangenen beiden Jahre hat der Energiewende neuen Schwung gegeben. Doch die Rekordjagd legt auch neue Herausforderungen offen.

Neue Solarmodule auf Hausdächern, an Balkonen, an Autobahnen und Gleisen: Der Ausbau der Photovoltaik hat in den letzten beiden Jahren einen beispiellosen Boom erlebt. Im Jahr 2023 wurden rund 14.500 Megawatt neu installiert, 2024 waren es sogar etwa 16.700 Megawatt. Gegenüber dem langjährigen Rekord des Jahres 2011 mit etwa 7.500 Megawatt bedeutet das eine glatte Verdoppelung. Ein enormer Erfolg, der zurecht gefeiert wird.

Wenn Strom zur Mittagszeit im Überfluss fließt

Doch was massenhaft produziert wird, verliert an Wert. Das trifft auch auf Solarstrom zu. Da die mittlerweile über fünf Millionen Solaranlagen in Deutschland aufgrund der natürlichen Gegebenheiten zu sehr ähnlichen Zeiten Strom produzieren, für den keine variablen Kosten anfallen, sackt der Wert des Sonnenstroms an der Leipziger Strombörse im Sommerhalbjahr massiv ab.

Mittlerweile klafft zwischen den Solar-Monatsmarktwerten, welche die vier Übertragungsnetzbetreiber auf ihrer gemeinsamen Website ausweisen, und den durchschnittlichen Preisen am Kurzfristmarkt der Strombörse eine eklatante Lücke. Im Januar lag der Preis für eine Kilowattstunde Strom am Spotmarkt noch bei 11,414 Cent. Der über den Spotmarkt verkaufte Solarstrom war 11,511 Cent pro Kilowattstunde wert, also sogar etwas mehr. Das ist nicht verwunderlich, schließlich sind die Sonnenstunden im Winter eher rar und die Solaranlagen produzieren ihren Strom tagsüber, wenn Haushalte mehr Strom benötigen als nachts.

Im Winter ist Solarstrom besonders wertvoll. © shaiith - stock.adobe.com

Marktwertverfall mit Ansage

Ab März kippt das Verhältnis aber, und zwar deutlich. Während eine Kilowattstunde am Spotmarkt durchschnittlich 9,473 Cent kostete, fand Solarstrom nur noch für 5,027 Cent Abnehmer. Im Juni war der Preis für Sonnenstrom auf gerade einmal noch 1,997 Cent erodiert, bei einem durchschnittlichen Spotmarktwert von immerhin noch 6,734 Cent.

Auch der Vergleich mit dem Vorjahr ist frappierend: Während der Solarstrom im Juni 2024 noch ungefähr 54,9 Prozent des durchschnittlichen am Spotmarkt verkauften Kilowattstunde wert war, wurde Solarstrom im Juni 2025 nur noch für knappe 30 Prozent des Spotmarktpreises verramscht. Im April 2024 war Solarstrom noch 61 Prozent des Spotmarkt-Preises wert, ein Jahr später fand die durchschnittliche Kilowattstunde Sonnenstrom für nur noch 39 Prozent des Spotmarkt-Preises ihren Abnehmer.

Mit Flexibilität im Vorteil

Das ist an sich nicht schlecht – im Gegenteil. Günstiger Strom aus Erneuerbaren Energien ist schließlich genau das, was sich alle wünschen. Die Solarstromproduktion senkt den durchschnittlichen Spotmarktwert, davon profitieren letztlich alle.

Besondere Chancen bieten sich für Kund:innen eines dynamischen Tarifs. Wenn sie ihren Stromverbrauch gezielt in Zeiten mit niedrigen Börsenstrompreisen verlagern, sparen sie bares Geld. Stark vereinfacht gesagt sind das im Sommer die sehr sonnigen Tages- und im Winter die sehr windigen Nachtstunden.

Ein dynamischer Tarif bietet jede Stunde andere Preise, da lässt sich mit einer Verlagerung des Stromverbrauchs viel sparen. © westend 61/Joseffson

Eine einfache Überschlagsrechnung, die sich auf die Stunden mit negativen Spotmarktpreisen beschränkt, zeigt das vorhandene Potenzial: Im Mai 2025 lagen die Börsenstrompreise an insgesamt 129 Stunden im negativen Bereich. Wer in dieser Zeit als Kund:in eines dynamischen Tarifs das eigene Elektroauto an der heimischen Steckdose mit einer netzschonenden Ladeleistung von 4 Kilowatt aufgeladen hat, konnte insgesamt 516 Kilowattstunden Strom in die Batterie einspeisen. Bei einer durchschnittlichen monatlichen Fahrleistung von 1.075 Kilometern und einem Verbrauch von 20 kWh auf 100 Kilometern steht ein monatlicher Verbrauch von 215 Kilowattstunden zu Buche. Dieser ließ sich im Mai problemlos vollständig in Zeiten mit negativen Strompreisen abdecken – für einen Energiepreis von 0 Cent oder weniger.

Marktwertverfall ist Symptom einer beginnenden Schieflage

Abseits dieses Sparpotenzials gibt es jedoch auch deutliche Warnsignale. Denn der Marktwertverfall des Solarstroms spiegelt nicht gesunkene Gestehungskosten wider, er ist das Anzeichen einer sich anbahnenden Schieflage im Markt.

Zum Problem wird die Entwicklung für den Bau von größeren Solarparks, die in der Planung darauf ausgelegt sind, ihre Stromerzeugung direkt an Industriekunden zu verkaufen. Diese setzen nicht auf die Einspeisevergütung, die Betreiber von Ökostrom-Anlagen über das Erneuerbare-Energien-Gesetz erhalten und die seit einigen Jahren durch Ausschreibungen im Wettbewerb ermittelt werden. Kern des Problems: Potenzielle industrielle Abnehmer haben die Strom-Großhandelspreise genau im Blick und wissen um die Wertigkeit des Solarstroms. Dessen Wert wiederum ist – auch im Jahresmittel betrachtet – für Investoren vielfach nicht ausreichend, um neu zu bauende Solarparks mit Aussicht auf wirtschaftlichen Erfolg betreiben zu können. Bei solchen Direktverträgen – sogenannten PPAs (Power Purchase Agreements) – klaffen die Bedürfnisse von Verkäufer und Abnehmer also zusehends auseinander. Das ohnehin in Deutschland noch recht kleine Marktsegment droht dadurch auszutrocknen. Für Solarprojekte mit einer Leistung von mehr als 20 Megawatt, die bis zur beihilferechtlichen Freigabe des Solarpakets durch die EU nicht an den EEG-Ausschreibungen teilnehmen dürfen, ist das ein relevantes Hemmnis.

Batteriespeicher wie im Solarpark Henschleben werden in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. © naturstrom AG

Die Speicher kommen

Die Zeichen stehen allerdings gut, dass sich diese Schieflage mittelfristig wieder ausgleicht. Hierfür gewinnt der Abgleich von Stromerzeugung und -verbrauch an Relevanz – und zwar für beide Seiten, Stromkund:innen und -erzeuger. Auf der Verbrauchsseite können intelligente Messsysteme kombiniert mit dynamischen Tarifen helfen, den Stromverbrauch von Millionen Haushalten in Zeiten hoher Erzeugung zu verlagern. Auf der Erzeugungsseite wiederum gewinnen Batteriespeicher rasant an Bedeutung. Ein Boom an Anträgen bei den Netzbetreibern belegt dies: Rund 530 Anträge mit einer Leistung von 204 Gigawatt lagen den Übertragungsnetzbetreibern bis April vor. Neben einer Vielzahl unabhängig geplanter Speicher werden auch Speicher, die ergänzend zu Solarparks errichtet werden, an Relevanz und Größe gewinnen. Auch naturstrom betreibt bereits seit 2022 im thüringischen Henschleben einen Solarpark mit Batteriespeicher. Sehr gut möglich, dass bald weitere folgen.

Um die Energiewende erfolgreich fortzusetzen, müssen Marktmechanismen und Infrastruktur weiterentwickelt werden, um die Integration von Solarstrom effizient zu gestalten und Investitionen in erneuerbare Energien weiterhin attraktiv zu halten.

  • ist seit April 2010 Pressesprecher bei naturstrom. Entdeckte die Energiewende in seiner Zeit bei einer Düsseldorfer PR-Agentur für sich. Zuvor hatte der promovierte Germanist an den Universitäten Düsseldorf und Münster im Bereich Sprachwissenschaften gelehrt. E-Mail

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3 Antworten

  1. Spannender Artikel, danke! Ich fand’s sehr hilfreich, wie das Spannungsfeld zwischen Solarstromüberschuss und Marktmechanismus beschrieben wurde.
    Ich überlege gerade, meine bestehende PV-Anlage mit Speicher zu erweitern – und frage mich, ob sich das bei diesen sinkenden Marktwerten noch rechnet, wenn man den Eigenverbrauch erhöhen will.
    Außerdem überlege ich gerade, meinen Pool mit PV-Strom zu heizen – da wäre natürlich auch spannend, ob Wärmepumpe + PV + Speicher eine Lösung wäre, um Überschussstrom sinnvoll zu nutzen.
    Wäre cool, wenn ihr mal einen Beitrag zu solchen Kombinationslösungen für Haushalte macht!

  2. Hallo Herr Tim Loppe als Pressesprecher bei naturstrom bin ich erstaunt, ich muss es leider so sagen, wie flach dieser Artikel ist. Was verfolgen sie damit? Welches Naturstromprodukt soll damit verkauft werden? Etwas der dynamische Tarif?
    1. Sie sind zweifelfrei in Kenntnis, das nicht für 0 € bezogen werden kann (Netzentgelte, Umlagen, Steuern)
    2. Anmeldungen haben nichts mit tatsächlicher Reservierung zu tun. 300 St. PV > 500 kW gingen in BY 2025 ans Netz, dem stehen 13 !! Speicher > 500 kW gegenüber. Also 3 %. Die können gerade mal 1 % positve wirken haben aber gegen die zusätzlich 99 % keinerlei Wirkmächtigkeit.
    3. Wurden sie von ihre Kollegen nicht informiert, dass es an der Verweigerung der Netzbetreiber liegt, Speicher ans Netz zu lassen.
    Wo ist ihr Appell, wo ihre politische Forderung, für die Situation die vorhanden Lösungen auch umzusetzen?

    1. Hallo Herr Wegmann, vielen Dank für Ihren Kommentar. Im Blog richten wir uns an interessierte Laien, die mehr über die Energiewende und naturstrom erfahren möchten – dem trägt der Beitrag in punkto Detailtiefe Rechnung. Kurz zu Ihren Punkten:
      ad 1: Ja, deswegen ist im Text auch vom „Energiepreis von 0 Cent“ die Rede, Netzentgelte etc. sind hier nicht mitgemeint.
      ad 2: Sie haben absolut Recht, beim Speicherausbau muss noch viel mehr passieren. Das aktuelle Zubauniveau ist zu niedrig, um kurzfristige Abhilfe zu schaffen. Aber auch wenn sich von den Anschlussanfragen, die in den letzten Monaten durch die Medien gingen, viele in Zukunft als Luftnummern entpuppen sollten, kann man m. E. mit verhaltenem Optimismus auf die mittelfristige Entwicklung blicken.
      ad 3: Klar, online hätte natürlich auch noch ein Absatz mit politischen Forderungen gepasst. Der Beitrag ist allerdings ohnehin schon recht lang. Keine Sorge, wir platzieren unsere Forderungen über die Branchenverbände und im direkten Austausch mit den entsprechenden Stellen.
      Freundliche Grüße!

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