36 Jahre Nuklearkatastrophe Tschernobyl – wo steht Atomkraft heute?

Die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl ist heute auf den Tag genau 36 Jahre her. Am frühen Morgen des 26. April 1986 kam es in Block 4 des dortigen Atomkraftwerks zur vollständigen Kernschmelze, mehrere Explosionen folgten, gefährliche radioaktive Strahlung trat aus, Dutzende Menschen wurden verletzt oder verloren sogar ihr Leben. Das Unglück erzeugte weltweite Anteilnahme und führte vielen Menschen die enormen Gefahren und Nachteile von Atomkraft vor Augen. Damit diese nicht in Vergessenheit geraten, werfen wir einen Blick auf gängige Atomkraftmythen – und entkräften sie.

Mythos #1 Atomkraft ist nachhaltig.

Zwar verursacht der Betrieb eines Atomkraftwerks weniger Treibhausgase als die Verbrennung fossiler Energien – doch nachhaltig ist die Energieerzeugung mittels Atomkraft noch lange nicht. Denn sowohl bei der Förderung von Uran als auch bei der Herstellung der Brennelemente werden Treibhausgase emittiert.

Hinzu kommen gesundheitsschädliche radioaktive Abfälle, die bei der Förderung, Verarbeitung und Wiederaufarbeitung von Uran entstehen. Diese haben eine Halbwertszeit von bis zu über 100.000 Jahren und müssen deshalb über extrem lange Zeiträume an einem unzugänglichen Ort (im Idealfall mehrere hundert Meter tief) aufbewahrt werden. Da die lokale Akzeptanz für ein solches Endlager sehr gering ist, ist in Deutschland nach über 40 Jahren Atomenergienutzung immer noch kein solcher Ort gefunden. Das einzige „nachhaltige“ an Atomkraft ist somit die Endlager-Suche.

Mythos #2 Atomkraft macht uns unabhängig.

Auf Nimmerwiedersehen russische Gas- und Kohletransporte! Und wer braucht schon Sonne und Wind, wenn wir mit Atomenergie wirklich unabhängig von äußeren Faktoren werden können? Von wegen! Denn auch für die Gewinnung von Atomstrom benötigen wir Rohstoffe aus anderen, politisch instabilen Ländern mit fragwürdigen Arbeitsbedingungen – unter anderem Russland, größter Uran-Lieferant der EU.

Wirklich unabhängig sind wir daher nur mit Strom aus Erneuerbaren Energien und einem auf Sonne und Wind ausgerichteten modernen Versorgungssystem.

Mythos #3 Ohne Atomkraft haben wir keine Versorgungssicherheit.

Es könnte so einfach sein: An Tagen, an denen weder die Sonne scheint noch der Wind weht, einfach fix ein Atomkraftwerk hochfahren, um schnell emissionsarme Energie zu gewinnen. Diese romantisierte Vorstellung haben viele Atomkraftbefürworter:innen. Doch das Gegenteil ist der Fall: Um einen heruntergefahrenen Reaktor wieder in Betrieb zu nehmen, braucht es etwa ein bis zwei Tage – flexibel ist anders. Und andersherum kann man bei viel Ökostrom im Netz die Reaktoren auch nicht einfach wieder abstellen. Hinzu kommt, dass das wiederholte Hoch- und Herunterfahren der Reaktoren, selbst wenn es langsam geschieht, ein Sicherheitsrisiko darstellt. Daher fallen AKWs als flexible Ergänzung zu den Erneuerbaren Energien flach – ganz im Gegenteil etwa zu Batteriespeichern oder grünem Wasserstoff.

Mythos #4 Ohne Atomkraft können wir unsere Klimaschutzziele nicht erreichen.

Aktuell kommen noch etwa 12 Prozent des deutschen Strommix aus Kernkraft – weltweit sieht es da nicht sehr viel anders aus. Im Gegensatz dazu liegt der Anteil der Erneuerbaren weltweit bei rund 28 Prozent, in Deutschland sogar bei fast der Hälfte.
Hinzu kommt, dass Elektrizität lediglich einen Anteil von rund 20 Prozent am globalen Endenergieverbrauch hat. Damit macht Atomkraft gerade einmal zwei Prozent des globalen Energieverbrauchs aus.

Um überhaupt einen effektiven Klimaschutzbeitrag zu leisten, müsste die Atomkraft also massiv ausgebaut werden. Das ist jedoch teuer, unsicher und langwierig. Allein die durchschnittliche Bauzeit eines Atomkraftwerks beträgt 15 Jahre und mehr – für die Klimaschutzziele für 2030 bzw. 2045 ist das zu spät.

Zudem ist Uran – genau wie Erdgas und Kohle – eine endliche Ressource und kann auch deshalb nicht unbegrenzt ausgebeutet werden.

Mythos #5 Strom aus Atomkraft ist der günstigste Strom.

Wer behauptet, Atomkraft sei eine günstige Energiequelle, übersieht die enormen Subventionen wie umfangreiche Steuervergünstigungen, Haftpflichtbefreiungen sowie finanzielle Hilfen für Bau, Instandhaltung und Abfallentsorgung, die den Preis für Atomstrom künstlich reduzieren.

Seit den 1950er Jahren hat Deutschland Atomkraft mit fast 100 Milliarden Euro gefördert, wovon viel in die Nuklearforschung geflossen ist, ohne die die Markteinführung gar nicht erst möglich gewesen wäre. Ebenfalls nicht eingepreist: die Kosten eines möglichen Super-GAUs. Da diese so hoch ausfallen würden, dass kein Versicherungsunternehmen sie übernehmen würde, würden sie auf die Steuerzahlenden umgelegt werden, wie es beispielsweise beim Reaktor-Unfall von Fukushima der Fall war.

Mehr zu den (versteckten) Kosten von Atomkraft fasst Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverband Erneuerbare Energien, in ihrem Videostatement zusammen:

Wind- und Solarenergie weisen übrigens die geringsten Gestehungskosten auf.

Mythos #6 (Moderne) Atomkraft ist sicher.

Stimmt schon, die meisten Störfälle in AKWs sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Doch auch die können, genau wie Designfehler, Sabotage, Krieg oder Terrorangriffe im schlimmsten Fall zu einer Kernschmelze und damit einem GAU führen – genau wie 1986 in Tschernobyl.

Das durchschnittliche Alter europäischer AKWs, von denen manche unmittelbar an Deutschland angrenzen, beträgt ca. 30 Jahre. Ein Restrisiko für technische Störungen ist somit nie auszuschließen. Doch auch „moderne“ Atomkraftwerke, wie sie in den USA, China oder Russland kündig zum Einsatz kommen sollen, weisen trotz des technischen Fortschritts bekannte Probleme von mangelnder Wirtschaftlichkeit bei zu hohem Betriebsrisiko auf.

Aktuell beliebte kleine modulare Reaktoren versprechen größere Effizienz bei einem geringeren Risiko – doch Studien belegen, dass tausende solcher „Mini-Reaktoren“ notwendig wären, um Großkraftwerke zu ersetzen. Durch diese Vervielfachung steigen Kosten und Unfallrisiko sowie die Wahrscheinlichkeit möglichen Missbrauchs. Und auch das Endlagerproblem bleibt ungelöst.

Mythos #7 Atomkraft ist wieder „in“.

Auch wenn einige Staaten in Europa wie beispielsweise unser Nachbar Frankreich verstärkt auf Atomkraft setzen, bleibt die Bundesregierung bei der Entscheidung für den Atomausstieg – und ist damit in guter Gesellschaft. In Europa haben auch Belgien und die Schweiz einen Atomausstieg beschlossen. Und auch in Italien, Dänemark, Schweden, Irland und Polen laufen aktuell keine Atomkraftwerke, in Österreich ist Atomkraft seit 1978 sogar verboten.

Insgesamt stehen die Zeiger auf Atomrückzug, denn viele Reaktoren gehen in den kommenden Jahren altersbedingt vom Netz, während sich viele Neuprojekte finanziell nicht realisiert lassen.

Übrigens: Seit jeher sind die zivile und die militärische Nutzung von Atomenergie eng miteinander verbunden, das Wissen, Material und die Technologie für die Energiegewinnung durch Kernspaltung können auch für ein militärischen Atomprogramm „zweckentfremdet“ werden. Staatliche Ausgaben für Atomkraft können somit auch als Quersubventionierung des Militärs dienen, im Gegensatz dazu hat ein Atomausstieg auch eine friedenspolitische Wirkung – und genau die brauchen wir gerade dringend.

Ihr merkt schon: Alles in allem überwiegen die Nachteile die vermeintlichen Vorteile von Atomenergie bei Weitem. Statt in eine teure und unsichere Energiequelle zu investieren, sollten wir daher dringend gemeinsam den Ausbau Erneuerbarer Energien vorantreiben. Politisch, gesellschaftlich – und gerne auch individuell mit dem Bezug echter Öko-Energie, beispielsweise von NATURSTROM.

Der Artikel entstand im Rahmen der Kampagne #ErneuerbarStattAtomar von der Agentur für Erneuerbare Energien.

Credit fürs Headerbild: ESA/A.Gerst

Dominique Czech
dominique.czech@naturstrom.de

ist seit April 2018 dabei und schreibt für NATURSTROM über alles rund um die Energiewende. Jenseits des Büros bewegen sie die Themen Ernährung, Konsum und Mobilität – aber bitte in nachhaltig.

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